Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: SachbĂŒcher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Abenteuer



Karl May

Ardistan und Dschinnistan Band 2

rezensiert von Thomas Harbach

Knappe zwei Jahre nach dem ersten Band des im einfachen Blau der alten Fehsenfeld Ausgabe gehaltenen Alterswerkes erscheint mit „Der Mir von Dschinnistan“ der zweite und abschließende Band von Karl Mays Roman „Ardistan und Dschinnistan“ in einer sorgfĂ€ltig ĂŒberarbeiteten und mit den verschiedenen Druckfassungen verglichenen Ausgabe. Der Karl May Experte Hans WollschlĂ€ger kĂŒmmerte sich liebevoll um die beiden vorliegenden Roman und verfasste die mehrere hundert Seiten umfassenden historisch- kritischen Anmerkungen. Das Erscheinen des zweiten Bandes hat Hans WollschlĂ€ger nicht mehr erlebt. Nur wenige Tage vor dem endgĂŒltigen Erscheinen ist er verstorben. Seinem Andenken und seinem Wissen widmet der Karl May Verlag diesen Band.

Es ist unerlĂ€sslich, den ersten Band zuerst zu lesen, in dem der Ich- ErzĂ€hler Kara Ben Nemsi und sein treuer Diener Hadschi Halef durch das Kunstland Ardistan reisen. Jetzt sollen sie den drohenden Krieg mit dem Nachbarn Dschinnistan verhindern. Kaum haben sie die Grenze dieser fiktiv mystischen und doch symbolisch in der Menschheitsgeschichte verankerten LĂ€nder nach Dschinnistan ĂŒberschritten, werden sie verhaftet und dem grausamen Mir vorgefĂŒhrt. Nur ihre Furchtlosigkeit beeindruckt den Herrscher, der ihnen nicht nur seine Stadt, sondern vor allem auch die kleine christliche Gemeinde vorstellt. WĂ€hrend des Gottesdienstes erfĂŒllt der Mir unbewusst und aus Versehen einen kleinen Teil einer alten Legende, an dessen Ende die Auferstehung des christlichen Glaubens in diesem fernen, bislang gottlosen Land steht. Erschrocken versucht der Tyrann das Eintreten der anderen Bestandteile der Prophezeiung zu verhindern, aber natĂŒrlich ist er gegen die Macht Gottes und im ĂŒbertragenen Sinne der aufrechten Seele des Alter Egos Mays machtlos. Schließlich bittet der Mir den Ich- ErzĂ€hler, ein christliches Weihnachtsfest auszurichten. Dem Thema Weihnacht als Fest des Friedens und der Freude hat sich Karl May schon in dem wenige Jahre frĂŒher veröffentlichten Band „Weihnacht“ allerdings fĂŒr den Wilden Westen angenommen. Dabei bewegt sich Karl May sehr stark zwischen der Symbolik des christlichen Festes und einem fehlenden Respekt den Mitgliedern anderer Religionsgemeinschaften gegenĂŒber. So verfĂ€llt der Mir natĂŒrlich, aber sehr naiv beschrieben der Faszination des Weihnachtsbaumes, der Kerzen und dem Christ Schmuck. Fast pathetisch versucht Karl May eine BrĂŒcke zwischen der Bedeutung des Festes und dem Ideal des Kommerzes zu schlagen. So verdient der Mir am Verkauf der BĂ€ume und anderen Weihnachtsutensilien wie Kerzen an die zahlreichen, eher im Verborgenen lebenden Christen, die aufgrund des offen begangenen Festes auf ein Ende der Glaubensverfolgungen hoffen. Es gibt keine weiteren Diskussionen hinsichtlich anderer Glaubensrichtungen. Im Gegensatz zu seinen ReiseerzĂ€hlungen ist in Ardistan bzw. Dschinnistan alles möglich und der wahre natĂŒrlich christliche Glaube setzt sich durch. Der Leser muss sich hinsichtlich dieser unglaubwĂŒrdigen, schrecklich naiven Entwicklung vor Augen halten, das es hier um einen Tyrannen geht, der plötzlich bekehrt wird. Kaum hat der Ich- ErzĂ€hler zumindest erste ZĂŒge des christlichen Glaubens in dieser fernen Stadt eingefĂŒhrt, reisen der Mir, seine beiden Vertrauten, Hadschi Halef und der Ich- ErzĂ€hler in Richtung der Stadt der Toten. In einer sehr kompliziert konstruierten Ausgangssituation werden sie von den Truppen des neuen Mirs – Spitzname Der Panther – begleitet, der wĂ€hrend der Reise ihr Gefangener ist. Allerdings kaum in der Stadt der Toten angekommen, sind sie durch ihr Versprechen der Gefangener des Panthers und werden dort in das GefĂ€ngnis Nummer 5 gesperrt. Aus dieser riesigen in der WĂŒste liegenden an die Bauwerke der griechischen Antike erinnernden Stadt ist bisher niemand entkommen. Augenscheinlich werden die Andersdenkenden und - wie der Ich- ErzĂ€hler in einer der symboltrĂ€chtigsten und besten Passagen des Buches herausfindet - auch abgesetzten Mirs in dieser Stadt eingesperrt, um ihm ĂŒbertragenen Sinne durch ein Gottesgericht schließlich verurteilt und getötet zu werden. Dabei stellt dieses Gottesgericht eine Art Test dar, den nur ein Mann mit der Intelligenz des Ich- ErzĂ€hlers und einem reinen Herzen bestehen kann. Als erstes mĂŒssen sie Wasser und Lebensmittel finden, schließlich sich ihren Taten stellen und dann gereinigt die Welt von den Schurken zu befreien.


In seinem ausfĂŒhrlichen Nachwort geht Hans WollschlĂ€ger auf zahlreiche Punkte ein, die “Ardistan und Dschinnistan” als Gesamtwerk zu einem schwierigen, aber auch faszinierenden Buch machen. Zum einen hat - wĂ€hrend der Schreibphase - Karl May in der Prozesslawine die ersten kleinen Erfolge erzielen können. In den letzten Szenen des Vierteilers “Im Reich des silbernen Löwen” baute zudem Karl May die BĂŒhne, auf welcher die Menschen stellvertretend auf seine ĂŒberlebensgroßen Charaktere reduziert der Vollkommenheit entgegen schreiten sollten. Symbolisch nimmt er im ersten Band des Zweiteilers von den lieb gewonnenen Gewehren Abschied: Kara Ben Nemsi gewinnt ein letztes Schießduell, in welchem er zum wiederholten Male seine ruhige Hand und sein scharfes Auge unter Beweis stellt. Auch wenn es zahlreiche Auseinandersetzungen - nicht selten im VorĂŒbergehen erzĂ€hlt und nicht ĂŒber verschiedene Kapitel vorbereitet - im Verlaufe der durch Symbole gekennzeichneten Suche nach dem wahren Menschen und zumindest theoretisch einer idealisierten Regierungsform gibt, greifen weder Kara Ben Nemsi noch Hadschi Halef Omar noch einmal zu Gewehr noch töten sie die Widersacher eigenhĂ€ndig. Diese einfĂŒhrende Sequenz mit dem Wettschießen - mit mehr als einhundert Seiten nimmt sie zumindest ein FĂŒnftel des ersten Buches ein - wiederholt sich im zweiten Band in anderer, fĂŒr den Leser noch zugĂ€nglicher Form: die Gefangenen sind im GefĂ€ngnis Nummer 5 eingeschlossen, aus dem es angeblich keinen Weg in die Freiheit gibt. Mit seinem klaren Verstand und einfachen logischen SchlĂŒssen gelingt es Kara Ben Nemsi, nicht nur einen Weg aus dem GefĂ€ngnis zu finden, sondern in einem Engel Wasser zu entdecken und mittels der vielen bei drei Leichen gefundenen SchlĂŒsseln unbeschreibliche Mengen an VorrĂ€ten zu finden. In dieser sehr konzentriert geschriebenen Sequenz wird der Leser an den Anbeginn der ReiseerzĂ€hlungen erinnert. Obwohl teilweise symbolisch ĂŒberfrachtet kehrt der Kara Ben Nemsi aus “Durch die WĂŒste” noch einmal auf die MayÂŽsche BĂŒhne zurĂŒck. Auch Hadschi Halef Omar in der Verkleidung des “Mir von Dschinnistan” schenkt May eine großartige Szene, in welcher der kleine treue Diener seiner sprichwörtlichen Arroganz ein letztes Mal die ZĂŒgel gibt.

WollschlĂ€ger öffnet in seinem ausfĂŒhrlichen und ungemein informativen Nachwort dem Leser zwei ErklĂ€rungsmöglichkeiten, warum diese zugĂ€nglichen, fast klassischen Szenen das im Grunde surrealistische Alterswerk unterbrechen. Karl May hat den Zweiteiler fĂŒr seine alte Hauszeitschrift “Deutscher Hausschatz” geschrieben. Nach mehr als zehn Jahren ist er zurĂŒckgekehrt und hat alleine dank der AnkĂŒndigung, wieder einen Roman in Kapiteln in diesem Magazin abdrucken zu lassen, die Auflage in die Höhe getrieben. Obwohl May sicherlich diese Form der Parabel im Auge gehabt und sich zum Ziel gestellt hat, das eigene erzĂ€hlerische “Ich” mit der Menschenseele zu verbinden, dĂŒrfte ihm die teilweise befremdliche Reaktion der Leser und vor allem auch der Herausgeber nicht entgangen sein. May ist ein viel zu eitler, selbst verliebter und vor allem Achtung suchender kluger Autor, das er sein Ziel nicht gefĂ€hrden wollte. Darum diese RĂŒckgriffe auf bekannte Szenarien, die liebevoll als Hommage an den alten Karl May in die Handlung integriert worden ist. Dem gegenĂŒber stehen monumentale, phantastische Beschreibungen. Die drei Toten, liebevoll fĂŒr die Ewigkeit prĂ€pariert, mit den SchlĂŒsseln zum Paradies. Die endlose Reihe der frĂŒheren Mir, die vor den Heften mit ihren Schandtaten knien. Im Jenseits fĂŒr die Tausende von Toten zur Verantwortung gezogen. Schließlich die fast biblische Flut, vom Menschen und dessen SĂŒnden befreit, welche die Inkarnation des MayÂŽschen Erzschurken - in diesem Fall Panther genannt - wegtrĂ€gt. Die aufgezĂ€hlten Szenen sind ungemein kraftvolle, beeindruckende literarische Bilder.

Diese hinsichtlich Mays Gesamtwerk phantasievollsten Passagen stehen teilweise intellektuell beschĂ€mende Abschnitte gegenĂŒber. Dabei reicht das Spektrum von der naiven und nicht zu Ende durchdachten Weihnachtspassage ĂŒber eine komplette Ignoranz der islamischen Religion bis schließlich zur Verfolgung und Bestrafung der Truppen des Panthers, die einem May im Kern unwĂŒrdig sind. Je weiter die Handlung von “Ardistan und Dschinnistan” fortschreitet, desto deutlicher erkennt der Leser, das May sich mit Eifer auf “Winnetou IV” konzentriert hat. Das Werk, welches der Autor unter dem Eindruck der Amerikareise geschrieben hat. Augenscheinlich hat er alleine seiner Phantasie nicht vertraut. Den Hintergrund der Winnetou- Geschichte hat May dagegen endlich mit eigenen Augen gesehen. Im vorliegenden Doppelband musste er sich dagegen ausschließlich auf seine Phantasie konzentrieren und konnte auch nicht auf sekundĂ€rliterarische Quellen wie in der Vergangenheit zurĂŒckgreifen. Die QualitĂ€t ist in dieser Hinsicht uneinheitlich. Von beeindruckenden GebĂ€uden und zeitlosen StĂ€dten bis zu Naturbeschreibungen, die impliziert gekĂŒnstelt und konstruiert wirken. Qualitativ irritiert der vorliegende Roman sicherlich die Leser seiner ReiseerzĂ€hlungen. Zu viele Symbole, Parabeln, Vergleiche und Absolutismen. Teilweise arg belehrend, dann wieder verspielt und schließlich am Ende kurzweilig geradlinig kommt die Geschichte daher. Kraftvolle Bilder stehen teilweise ein wenig naiven Dialogen gegenĂŒber. Insbesondere alle Nebenfiguren sind eindimensional bis klischeehaft gezeichnet. “Der Mir von Dschinnistan” wird wie viele andere Helfer auf das Notwendigste reduziert und agiert schließlich als Stichwortgeber. Der Ich- ErzĂ€hler ist noch von Karl May im Vergleich zu “Winnetou IV” getrennt. In dem vierten Teil nimmt Karl May endgĂŒltig die Gestalt Old Shatterhands an und integriert seine Ehefrau in die Handlung. Aber die Grenzen zwischen der RealitĂ€t und der Phantasie brechen mehr und mehr auf. Dem Plot fehlt die Dynamik, welche May beste BĂŒcher auszeichnet. DafĂŒr sind die HintergrĂŒnde farbenprĂ€chtiger und interessanter. In der vorliegenden wohlfeinen und von Hans WollschlĂ€ger mit Ă€ußerster Sorgfalt ĂŒberarbeiteten Ausgabe lohnt sich eine vorsichtige AnnĂ€herung an Karl Mays Alterwerks, das ebenso viele Fragen offenlĂ€sst wie “Ich. Mein Leben und Streben” spĂ€ter zu beantworten sucht. Es ist sicherlich ein radikaler Bruch mit seinem bisherigen Schaffen, der nicht ganz gelungen ist. May traut sich zu viel zu und erreicht zu wenig, um wirklich mit dem vorliegenden Band ĂŒberzeugen zu können. Anstatt des existentiellen Weg zu gehen hat er sich mit seinen ureigenen Charakteren in eine dunkle Welt der Phantasie geflĂŒchtet, deren Allegorien sehr eng insbesondere mit der damaligen gesamtpolitischen Lage und der persönlichen Situation Mays verbunden ist. Kara Ben Nemsi hat alle Andersdenkenden von Mays lauteren Absichten ĂŒberzeugen können, zumindest in der vorliegenden surrealistischen, interessanten, wenn auch sehr schwierig zu lesenden und unmöglich zu deutenden Reise zu einem anderen Planeten jenseits der Grenzen der Vorstellungskraft.

Karl May: "Ardistan und Dschinnistan Band 2"
Roman, Hardcover, 550 Seiten
Karl May Verlag 2007

ISBN 9-7837-8020-6510

Weitere Bücher von Karl May:
 - Auf Tod oder Leben

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::