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Abenteuer



Karl May

Ardistan und Dschinnistan Band 2

rezensiert von Thomas Harbach

Knappe zwei Jahre nach dem ersten Band des im einfachen Blau der alten Fehsenfeld Ausgabe gehaltenen Alterswerkes erscheint mit „Der Mir von Dschinnistan“ der zweite und abschließende Band von Karl Mays Roman „Ardistan und Dschinnistan“ in einer sorgfältig überarbeiteten und mit den verschiedenen Druckfassungen verglichenen Ausgabe. Der Karl May Experte Hans Wollschläger kümmerte sich liebevoll um die beiden vorliegenden Roman und verfasste die mehrere hundert Seiten umfassenden historisch- kritischen Anmerkungen. Das Erscheinen des zweiten Bandes hat Hans Wollschläger nicht mehr erlebt. Nur wenige Tage vor dem endgültigen Erscheinen ist er verstorben. Seinem Andenken und seinem Wissen widmet der Karl May Verlag diesen Band.

Es ist unerlässlich, den ersten Band zuerst zu lesen, in dem der Ich- Erzähler Kara Ben Nemsi und sein treuer Diener Hadschi Halef durch das Kunstland Ardistan reisen. Jetzt sollen sie den drohenden Krieg mit dem Nachbarn Dschinnistan verhindern. Kaum haben sie die Grenze dieser fiktiv mystischen und doch symbolisch in der Menschheitsgeschichte verankerten Länder nach Dschinnistan überschritten, werden sie verhaftet und dem grausamen Mir vorgeführt. Nur ihre Furchtlosigkeit beeindruckt den Herrscher, der ihnen nicht nur seine Stadt, sondern vor allem auch die kleine christliche Gemeinde vorstellt. Während des Gottesdienstes erfüllt der Mir unbewusst und aus Versehen einen kleinen Teil einer alten Legende, an dessen Ende die Auferstehung des christlichen Glaubens in diesem fernen, bislang gottlosen Land steht. Erschrocken versucht der Tyrann das Eintreten der anderen Bestandteile der Prophezeiung zu verhindern, aber natürlich ist er gegen die Macht Gottes und im übertragenen Sinne der aufrechten Seele des Alter Egos Mays machtlos. Schließlich bittet der Mir den Ich- Erzähler, ein christliches Weihnachtsfest auszurichten. Dem Thema Weihnacht als Fest des Friedens und der Freude hat sich Karl May schon in dem wenige Jahre früher veröffentlichten Band „Weihnacht“ allerdings für den Wilden Westen angenommen. Dabei bewegt sich Karl May sehr stark zwischen der Symbolik des christlichen Festes und einem fehlenden Respekt den Mitgliedern anderer Religionsgemeinschaften gegenüber. So verfällt der Mir natürlich, aber sehr naiv beschrieben der Faszination des Weihnachtsbaumes, der Kerzen und dem Christ Schmuck. Fast pathetisch versucht Karl May eine Brücke zwischen der Bedeutung des Festes und dem Ideal des Kommerzes zu schlagen. So verdient der Mir am Verkauf der Bäume und anderen Weihnachtsutensilien wie Kerzen an die zahlreichen, eher im Verborgenen lebenden Christen, die aufgrund des offen begangenen Festes auf ein Ende der Glaubensverfolgungen hoffen. Es gibt keine weiteren Diskussionen hinsichtlich anderer Glaubensrichtungen. Im Gegensatz zu seinen Reiseerzählungen ist in Ardistan bzw. Dschinnistan alles möglich und der wahre natürlich christliche Glaube setzt sich durch. Der Leser muss sich hinsichtlich dieser unglaubwürdigen, schrecklich naiven Entwicklung vor Augen halten, das es hier um einen Tyrannen geht, der plötzlich bekehrt wird. Kaum hat der Ich- Erzähler zumindest erste Züge des christlichen Glaubens in dieser fernen Stadt eingeführt, reisen der Mir, seine beiden Vertrauten, Hadschi Halef und der Ich- Erzähler in Richtung der Stadt der Toten. In einer sehr kompliziert konstruierten Ausgangssituation werden sie von den Truppen des neuen Mirs – Spitzname Der Panther – begleitet, der während der Reise ihr Gefangener ist. Allerdings kaum in der Stadt der Toten angekommen, sind sie durch ihr Versprechen der Gefangener des Panthers und werden dort in das Gefängnis Nummer 5 gesperrt. Aus dieser riesigen in der Wüste liegenden an die Bauwerke der griechischen Antike erinnernden Stadt ist bisher niemand entkommen. Augenscheinlich werden die Andersdenkenden und - wie der Ich- Erzähler in einer der symbolträchtigsten und besten Passagen des Buches herausfindet - auch abgesetzten Mirs in dieser Stadt eingesperrt, um ihm übertragenen Sinne durch ein Gottesgericht schließlich verurteilt und getötet zu werden. Dabei stellt dieses Gottesgericht eine Art Test dar, den nur ein Mann mit der Intelligenz des Ich- Erzählers und einem reinen Herzen bestehen kann. Als erstes müssen sie Wasser und Lebensmittel finden, schließlich sich ihren Taten stellen und dann gereinigt die Welt von den Schurken zu befreien.


In seinem ausführlichen Nachwort geht Hans Wollschläger auf zahlreiche Punkte ein, die “Ardistan und Dschinnistan” als Gesamtwerk zu einem schwierigen, aber auch faszinierenden Buch machen. Zum einen hat - während der Schreibphase - Karl May in der Prozesslawine die ersten kleinen Erfolge erzielen können. In den letzten Szenen des Vierteilers “Im Reich des silbernen Löwen” baute zudem Karl May die Bühne, auf welcher die Menschen stellvertretend auf seine überlebensgroßen Charaktere reduziert der Vollkommenheit entgegen schreiten sollten. Symbolisch nimmt er im ersten Band des Zweiteilers von den lieb gewonnenen Gewehren Abschied: Kara Ben Nemsi gewinnt ein letztes Schießduell, in welchem er zum wiederholten Male seine ruhige Hand und sein scharfes Auge unter Beweis stellt. Auch wenn es zahlreiche Auseinandersetzungen - nicht selten im Vorübergehen erzählt und nicht über verschiedene Kapitel vorbereitet - im Verlaufe der durch Symbole gekennzeichneten Suche nach dem wahren Menschen und zumindest theoretisch einer idealisierten Regierungsform gibt, greifen weder Kara Ben Nemsi noch Hadschi Halef Omar noch einmal zu Gewehr noch töten sie die Widersacher eigenhändig. Diese einführende Sequenz mit dem Wettschießen - mit mehr als einhundert Seiten nimmt sie zumindest ein Fünftel des ersten Buches ein - wiederholt sich im zweiten Band in anderer, für den Leser noch zugänglicher Form: die Gefangenen sind im Gefängnis Nummer 5 eingeschlossen, aus dem es angeblich keinen Weg in die Freiheit gibt. Mit seinem klaren Verstand und einfachen logischen Schlüssen gelingt es Kara Ben Nemsi, nicht nur einen Weg aus dem Gefängnis zu finden, sondern in einem Engel Wasser zu entdecken und mittels der vielen bei drei Leichen gefundenen Schlüsseln unbeschreibliche Mengen an Vorräten zu finden. In dieser sehr konzentriert geschriebenen Sequenz wird der Leser an den Anbeginn der Reiseerzählungen erinnert. Obwohl teilweise symbolisch überfrachtet kehrt der Kara Ben Nemsi aus “Durch die Wüste” noch einmal auf die May´sche Bühne zurück. Auch Hadschi Halef Omar in der Verkleidung des “Mir von Dschinnistan” schenkt May eine großartige Szene, in welcher der kleine treue Diener seiner sprichwörtlichen Arroganz ein letztes Mal die Zügel gibt.

Wollschläger öffnet in seinem ausführlichen und ungemein informativen Nachwort dem Leser zwei Erklärungsmöglichkeiten, warum diese zugänglichen, fast klassischen Szenen das im Grunde surrealistische Alterswerk unterbrechen. Karl May hat den Zweiteiler für seine alte Hauszeitschrift “Deutscher Hausschatz” geschrieben. Nach mehr als zehn Jahren ist er zurückgekehrt und hat alleine dank der Ankündigung, wieder einen Roman in Kapiteln in diesem Magazin abdrucken zu lassen, die Auflage in die Höhe getrieben. Obwohl May sicherlich diese Form der Parabel im Auge gehabt und sich zum Ziel gestellt hat, das eigene erzählerische “Ich” mit der Menschenseele zu verbinden, dürfte ihm die teilweise befremdliche Reaktion der Leser und vor allem auch der Herausgeber nicht entgangen sein. May ist ein viel zu eitler, selbst verliebter und vor allem Achtung suchender kluger Autor, das er sein Ziel nicht gefährden wollte. Darum diese Rückgriffe auf bekannte Szenarien, die liebevoll als Hommage an den alten Karl May in die Handlung integriert worden ist. Dem gegenüber stehen monumentale, phantastische Beschreibungen. Die drei Toten, liebevoll für die Ewigkeit präpariert, mit den Schlüsseln zum Paradies. Die endlose Reihe der früheren Mir, die vor den Heften mit ihren Schandtaten knien. Im Jenseits für die Tausende von Toten zur Verantwortung gezogen. Schließlich die fast biblische Flut, vom Menschen und dessen Sünden befreit, welche die Inkarnation des May´schen Erzschurken - in diesem Fall Panther genannt - wegträgt. Die aufgezählten Szenen sind ungemein kraftvolle, beeindruckende literarische Bilder.

Diese hinsichtlich Mays Gesamtwerk phantasievollsten Passagen stehen teilweise intellektuell beschämende Abschnitte gegenüber. Dabei reicht das Spektrum von der naiven und nicht zu Ende durchdachten Weihnachtspassage über eine komplette Ignoranz der islamischen Religion bis schließlich zur Verfolgung und Bestrafung der Truppen des Panthers, die einem May im Kern unwürdig sind. Je weiter die Handlung von “Ardistan und Dschinnistan” fortschreitet, desto deutlicher erkennt der Leser, das May sich mit Eifer auf “Winnetou IV” konzentriert hat. Das Werk, welches der Autor unter dem Eindruck der Amerikareise geschrieben hat. Augenscheinlich hat er alleine seiner Phantasie nicht vertraut. Den Hintergrund der Winnetou- Geschichte hat May dagegen endlich mit eigenen Augen gesehen. Im vorliegenden Doppelband musste er sich dagegen ausschließlich auf seine Phantasie konzentrieren und konnte auch nicht auf sekundärliterarische Quellen wie in der Vergangenheit zurückgreifen. Die Qualität ist in dieser Hinsicht uneinheitlich. Von beeindruckenden Gebäuden und zeitlosen Städten bis zu Naturbeschreibungen, die impliziert gekünstelt und konstruiert wirken. Qualitativ irritiert der vorliegende Roman sicherlich die Leser seiner Reiseerzählungen. Zu viele Symbole, Parabeln, Vergleiche und Absolutismen. Teilweise arg belehrend, dann wieder verspielt und schließlich am Ende kurzweilig geradlinig kommt die Geschichte daher. Kraftvolle Bilder stehen teilweise ein wenig naiven Dialogen gegenüber. Insbesondere alle Nebenfiguren sind eindimensional bis klischeehaft gezeichnet. “Der Mir von Dschinnistan” wird wie viele andere Helfer auf das Notwendigste reduziert und agiert schließlich als Stichwortgeber. Der Ich- Erzähler ist noch von Karl May im Vergleich zu “Winnetou IV” getrennt. In dem vierten Teil nimmt Karl May endgültig die Gestalt Old Shatterhands an und integriert seine Ehefrau in die Handlung. Aber die Grenzen zwischen der Realität und der Phantasie brechen mehr und mehr auf. Dem Plot fehlt die Dynamik, welche May beste Bücher auszeichnet. Dafür sind die Hintergründe farbenprächtiger und interessanter. In der vorliegenden wohlfeinen und von Hans Wollschläger mit äußerster Sorgfalt überarbeiteten Ausgabe lohnt sich eine vorsichtige Annäherung an Karl Mays Alterwerks, das ebenso viele Fragen offenlässt wie “Ich. Mein Leben und Streben” später zu beantworten sucht. Es ist sicherlich ein radikaler Bruch mit seinem bisherigen Schaffen, der nicht ganz gelungen ist. May traut sich zu viel zu und erreicht zu wenig, um wirklich mit dem vorliegenden Band überzeugen zu können. Anstatt des existentiellen Weg zu gehen hat er sich mit seinen ureigenen Charakteren in eine dunkle Welt der Phantasie geflüchtet, deren Allegorien sehr eng insbesondere mit der damaligen gesamtpolitischen Lage und der persönlichen Situation Mays verbunden ist. Kara Ben Nemsi hat alle Andersdenkenden von Mays lauteren Absichten überzeugen können, zumindest in der vorliegenden surrealistischen, interessanten, wenn auch sehr schwierig zu lesenden und unmöglich zu deutenden Reise zu einem anderen Planeten jenseits der Grenzen der Vorstellungskraft.

Karl May: "Ardistan und Dschinnistan Band 2"
Roman, Hardcover, 550 Seiten
Karl May Verlag 2007

ISBN 9-7837-8020-6510

Weitere Bücher von Karl May:
 - Auf Tod oder Leben

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