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Abenteuer



Jörg Kastner

Hadschi Halef Omar

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Hadschi Halef Omar“ liegt die erweiterte und überarbeitete Fassung des im Jahre 2000 veröffentlichten „Die Oase des Scheitens“ jetzt auch in der inzwischen legendären Aufmachung der „originalen“ Karl May Romane im Bamberger Verlag vor.
Jörg Kastner hat sich in den letzten Jahren einen soliden Ruf als Autor historischer Thriller erworben. Dabei startete seine literarische Karriere neben einem Sachbuch zur kurzlebigen Fernsehserie „Raumpatrouille Orion“ auch mit einem Sachbuch über den sächsischen Volksdichter: „Das große Karl- May Buch“ erschien 1992. Im Anschluss bzw. unmittelbar vor Abschluss seiner Germanen Saga veröffentlichte Kastner diese Vorgeschichte zu „Durch die Wüste“, in welcher der Ich- Erzähler seinen treuen Diener „Hadschi Halef Omar“ kennenlernte.
In verschiedenen Interview hat Jörg Kastner nicht nur bekannt, dass Hadschi Halef Omar eine seiner Lieblingsfiguren aus der eigenen literarischen Jugend ist, sondern das er in ihm eine interessante Spiegelung Karl Mays selbst sieht, der seine negativen Eigenschaften wie Prahl- und Geltungssucht in diese Figur übertragen hat. Im Gegensatz zu diesen Aussagen versucht Jörg Kastner in dem erstaunlich stringent geschriebenen und eher an die Abenteuerromane Robert Krafts mit sehr viel Karl May erinnert die richtige Balance zwischen Hadschi Halef Omar und dem „überirdischen“ Kara Ben Nemsi zu finden. Vielleicht liegt diese Ausgewogenheit auch in der Tatsache begründet, dass sich die Beiden erst nach gut einem Drittel des Romans finden. Die erste Begegnung zwischen dem gerade zum wiederholten Male in Nordafrika anlandenden Kara Ben Nemsi – diesen Namen hat ihm Hadschi Halef Omar erst gegeben – findet zwar sehr viel früher statt und wird von Jörg Kastner in einer Mischung aus Spannung/ Missverständnissen und gutwilligen Humor interessant beschrieben, aber zu diesem Zeitpunkt dient Hadschi Halef einem anderen, natürlich unbewusst schurkischen Herren.
Kurz nach seiner Ankunft in Algerien zur Zeit der Berberaufstände rettet der Ich- Erzähler eine junge Französin vor einem Taschendieb, der aber mit einem vergifteten Dolch seinen Angreifer töten will. Anscheinend steckt mehr hinter dem Überfall als es auf den ersten Blick erscheint. Die Französin ist auf der Suche nach ihrem Verlobten, der sich einer Expedition zur legendären wie verfluchten Oase des Scheitans angeschlossen hat. Hier sollen legendäre Schätze versteckt worden sein. Anscheinend interessiert sich auch der schwarze Skorpion, einer der Anführer des Aufstandes für diese Oase und will sie vor fremden Zugriff schützen. Einige Franzosen hegen in dessen Auftrag finstere Machenschaften aus. Aus Sorge um ihren Verlobten will die junge Frau ebenfalls in die Wüste reisen, der Ich- Erzähler – inzwischen von Hadschi Halef Omar Kara Ben Nemsi genannt, während sie sich im Haus des Gewandmeisters eher zufällig getroffen haben – will die junge Frau vor den Gefahren bewahren und bietet sich an, sowohl nach dem Verlobten zu suchen als auch indirekt das Geheimnis dieser Oase aufzuklären. Zusammen mit dem Sohn eines Freundes bricht er auf. Der Weg wird ihn nicht nur zu verräterischen Soldaten der Fremdenlegion; gewaltigen Krokodilen, denen die Einheimischen regelmäßig Tiere opfern, führen, sondern vor allem auch in ein tektonisches Wunderland, das eher an Robert Kraft oder Jules Verne denn an May erinnert. Auf dem langen Weg, bis der Anführer der Aufständischen – der schwarze Skorpion – schließlich ausgeschaltet und alle Verräter tot oder verhaftet worden sind, setzt Jörg Kastner als Hommage wie auch der Erwartungshaltung entsprechend auf mach liebgewordenes Klischee. Die Bekehrungsversuche Hadschi Halef Omars sind noch nicht so ausgeprägt, aber sowohl die Prallsucht – wenn seine Frau weit weg ist – als auch die Selbstüberschätzung mit der Folge, in große Schwierigkeiten zu geraten, werden plottechnisch gestreift. Insbesondere die zweite Sequenz, als Hadschi Halef Omar zum zweiten Mal in die Hände der abtrünnigen Fremdenlegionsoldaten fällt, wirkt allerdings arg konstruiert und soll dem bis dato mit einem sehr zufriedenstellenden und nicht wie Karl teilweise mit blumigen Dialogen zu gedehnt erscheinenden Plot Dynamik verleihen. Das Gegenteil ist der Fall. Höhepunkt sind sicherlich die düster atmosphärisch sehr stimmig beschriebenen Szenen in und um die Oase des Scheitans, in der die einzelnen Handlungselemente sehr schön zusammenlaufen. Der Leser wundert sich zwar, wie der Roman anschließend noch gute einhundert Seiten weiter laufen kann, aber anschließend konzentriert sich Jörg Kastner neben der angesprochenen Selbstüberschätzung Hadschi Halef Omars auf die Jagd nach dem sehr schnell identifizierten schwarzen Skorpion, der entgegen seiner bisher beschriebenen Persönlichkeit auf einen Bauerntrick reinfällt. Das der Erzschurke bei seiner Flucht fast ausschließlich – erst verschanzt er sich im Haus eines legendären vor über einhundert Jahren lebenden Piraten und Sklavenhändlers, dann auf dessen sehr kleiner Insel, von der es natürlich trotz Geisel keine Fluchtmöglichkeit mehr gibt - vorhersehbaren Wegen folgt, nimmt dem Roman etwas die Spannung und lässt Kara Ben Nemsi und seiner bunt zusammen gewürfelten Truppe die Chance, schließlich als Sieger die Bühne zu verlassen. May ging bei der Planung der verschiedenen Fluchtwege ein bisschen geschickter vor, auch wenn sich im Verlaufe seines umfangreichen Werkes stereotype Muster eingeschlichen haben. Kara Ben Nemsi verweißt nicht nur in seinen Handlungen – wie oft hat er sich mit einem Messer einen zweiten Ausgang in ein Indianerzelt geschnitten -, sondern auch in seinen Dialogen auf Winnetou und seine Zeit im Wilden Westen. Dadurch lässt sich das Kastner Abenteuer nicht ganz chronologisch einordnen, aber zumindest latent bestimmen. Zumindest schickt er nicht – wie Karl May in „Winnetou“ – seinen Helden als Greenhorn im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste.
Jörg Kastner variiert das Tempo ausgezeichnet, deutlich besser als sein literarisches Vorbild. Stilistisch erreicht Kastner ohne Probleme das stilistisch einzigartige wie aus heutiger Sicht auch herausfordernde Niveau Mays. Die Dialoge sind behutsam modernisiert worden.
Eher ambivalent ist die Zeichnung der Antagonisten. Hinsichtlich der Schurken folgt Jörg Kastner Karl Mays Schwäche. Sie sind eindimensional, schemenhaft und agieren nicht immer wirklich logisch. Natürlich fehlt es den Helden leicht, die grenzenlose Arroganz der Schurken auszunutzen und selbst eine zehnfache Übermacht mit Geschick und List zu überrumpeln. Aber die Leser von Kastners Roman wollen in erster Linie eine Hommage an Karl May und seine überirdischen Helden goutieren und diesen Anspruch erfüllt der Roman. Während Hadschi Halef Omar – wie schon angedeutet – trotz der Annektierung des Romantitels etwas besonnener, nicht so kindisch und überdreht charakterisiert worden ist, überzeugt Kara Ben Nemsi in seiner deutlich mehr nuancierten Persönlichkeitsanlage und trägt den Roman auf seinen Schultern. Er wirkt weniger überheblich, macht aber in jeder Situation – die er selbst verantworten kann – alles richtig und seine teilweise waghalsigen Pläne gehen trotzdem auf. Eine gewisse Kritik an Verlagen/ Verlegern hat Kastner ironisch in seinen Roman einfließen lassen. Die Idee, die Tradition der mündlichen Geschichtenerzähler einfach auf Europa/ Deutschland zu übertragen, ist eine der vielen kleinen Spitzen, die Kastner im Vorübergehen in die Handlung integriert hat. Das Verhältnis zwischen Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar ist allerdings im Grunde vom ersten Augenblick des aus Sicht des Deutschen amüsanten Begutachtens von der Schüler( Hadschi) – Lehrer (Nemsi) Beziehung geprägt, wobei Kastner dem kleinen Wüstensohn zumindest einmal zugesteht, sein geheimes Wissen nach langem Bitten über die Oase des Scheitans Preis geben zu dürfen. Die Dialoge sind sehr spritzig geschrieben und verbreiten das Gefühl des „Originals“.
Auch fehlt dem Roman eher positiv der manchmal aufgesetzt wirkende Flair des klassischen Jugendbuchs. Kastner hat die vorhandenen Actionsequenzen modern dramatisch, aber ohne exzessiv zu werden geschrieben. Dabei reicht das Spektrum vom obligatorischen Faustkampf über die an Indiana Jones erinnernden Fallen im Höhlenlabyrinth unter dem Haus des Scheitans oder den finalen Showdown auf einem kargen Felsbrücken im Mittelmeer bis zu den – ohne zu viel zu verraten – hervorragend geschriebenen Sequenzen in der Oase des Scheitans, die für ihre Eindringliche sehr viele „natürliche“ Abwehrmechanismen bereit hält. Das ganze Buch ist ausgesprochen flott erzählt, Jörg Kastner hat auf May´schen Boden eine nicht immer originelle oder originale – manche Passagen erinnert doch sehr an den Sechsteiler, an dessen Ende schließlich der Erzschurke Schutt in die Tiefen stürzte - , aber ausgesprochen unterhaltsame Geschichte erzählt, welche fiktiv die erste Begegnung zwischen Hadschi Halef Omar und Kara Ben Nemsi sowie darüber hinaus ihr erstes gemeinsames Abenteuer im Kampf gegen die Bösen eindrucksvoll voller Würde, aber auch mit einem Auge auf die May´schen Schwächen beschreibt. Sehr sympathisch und offen schließt Jörg Kastner den Band mit einem lesenswerten Nachwort ab, in dem er zugibt, dass mehr als nur Karl Mays Originalabenteuer Pate für diesen Roman gestanden haben. Unter gleichem Titel ist 1955 ein Bühnenstück von Wulf Leisner in Bad Segeberg aufgeführt worden.

Jörg Kastner: "Hadschi Halef Omar"
Roman, Hardcover, 440 Seiten
Karl- May Verlag 2010

ISBN 9-7837-8020-1904

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