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Abenteuer



Hans Gerd Stelling

Störtebeker

rezensiert von Thomas Harbach

Für die Fernsehproduktion “Störtebeker” im ersten Programm adaptierte H.G. Francis
unter dem Pseudonym Hans Gerd Stelling das Drehbuch Walter Kärgers. In den letzten Jahren ist das Interesse an dem Seeräuber “Störtebeker” und seinen Vitalienbrüdern wieder aufgeflammt. Konrad Hansen hat mit “Simons Bericht” einen spannenden Roman aus der Perspektive eines Außenseiters verfasst. Jöregen Bracker hat in “Zeelander” diese Idee aufgenommen und dank umfangreicher historischer Forschungen extrapoliert. Klaus Bruhn hat in “Störtebeker” wie die vorliegende TV Produktion und damit auch diese Romanfassung Störtebeker selbst in den Mittelpunkt des Geschehens gestellt. Betrachtet der Leser alleine das Buch unabhängig von jeglicher TV technischer Umsetzung durch den Regisseur Miguel Alexandre, so fällt rückblickend nicht nur die Legendenbildung auf, sondern die zahlreichen Kompromisse, die hinsichtlich plottechnischer Logik und Stringenz eingegangen worden sind. So wird der junge Klaus Störtebeker das Opfer eines Komplotts. Seine Eltern werden auf ihrem Gut überfallen und ermordet. Ein junger Mönch rettet ihn und bringt ihn in ein Kloster, wo er sich schnell als Gerechtigkeitsfanatiker und Rebell entpuppt. Zusammen mit seinem Retter wird er für die Tor des Klosters gesetzt - nackt wie Gott sie erschufen hat. Ihr Weg führt sie nach Hamburg, wo Klaus Bruder - vor dem Überfall auf die Eltern nach Hamburg in die Kaufmannslehre geschickt - sich als rechtschaffener Stellvertreter eines reichen hanseatischen Kaufmanns etabliert hat. Ausgerechnet Störtebekers Jugendliebe ist die Tochter dieses Kaufmanns. Man begegnet sich rein zufällig und erkennt sich. Die alte Liebe entflammt aufs Neue, auch wenn die junge sehr hübsche Frau dem Sohn des Bürgermeisters versprochen worden ist. So gerät Störtebeker wieder zwischen die Fronten, als sein Bruder eines Mordes verdächtigt wird und Störtebeker selbst auf See fälschlicherweise des Diebstahls beschuldigt wird. Dafür soll er geblendet werden. In einem Akt der Verzweifelung gelingt es ihm, die Mitmatrosen zur Meuterei zu überreden und die Piratenlaufbahn nimmt seinen Anfang. Unabhängig von den ersten spektakulären Erfolgen, auf welche der Roman überhaupt nicht eingeht, brennt Klaus Störtebeker auf Rache und sehnt sich nach seiner Jugendliebe. Er ahnt nicht, in welch engen Zusammenhang diese beiden Sehnsüchte stehen.

Das Drehbuch und damit die Romanadaption erwarten, das der Leser akzeptiert, das Störtebeker nur ein Opfer eines umfangreichen Komplotts gewesen ist. Seine Eltern werden getötet, sein Bruder verleumdet, die dänische Königin zwingt ihn als Gegenleistung für die begehrten Kaperbriefe zu morden anstatt nur zu plündern und schließlich wird er hingerichtet, obwohl er den neuen Bürgermeister des Hansestadt Hamburg als Mörder überführt hat. Natürlich agiert “Störtebeker” hinsichtlich der Heldenzeichnung auf einem extrem schmalen Grad. Bruhn, Bracker und Hansen zeichnen ein ambivalenteres, ein deutlich dunkleres Bild eines Mannes, der gegen seine Feinde rücksichtslos vorgegangen ist, der aber auch ein ausgezeichneter Stratege und mutiger Mann gewesen ist. Bis auf die Diskussion mit der dänischen Königin, nach welcher der Zuschauer den Eindruck als, als werde Störtebeker benutzt, sind die politischen Verhältnisse in der Ostseeregion zu dieser Zeit mehr als wage dargestellt. Die Zerrissenheit der einzelnen Königreiche inklusiv der Hansestädte hat sich Störtebeker mehrmals zu Nutze gemacht, in dem er die einzelnen Parteien gegeneinander ausspielte und teilweise dank seiner mutigen Taten - wie eine eingeschlossene schwedische Stadt mehrmals über See zu versorgen - sich die Gunst und die Kaperbriefe einzelner Regierungen verdiente. Einen persönlichen Groll gegen die Hansestadt Hamburg hat er in keiner der Geschichten gehabt. So muss der Leser wirklich akzeptieren, dass Störtebeker sicherlich in einem der cineastischen Höhepunkte des Films direkt auf der Hochzeit seines Todfeindes erschienen ist, um ihn bloß zu stellen und anschließend mit seinem blinden Bruder ohne Probleme aus der Stadt wieder geflohen ist. Es sind diese nur vordergründig funktionierenden Actionszenen, an denen Störtebeker in erster Linie scheitert. Zu sehr Alexandre Dumas als Ostseepiraten. Nach der erfolgreichen Meuterei gibt es im Drehbuch einen Bruch. Der Bund der Vitalienbruder ist im zweiten Buch plötzlich mächtig und gefürchtet. Die spektakulären Taten werden in einer Art Zeitraffer zusammengefasst. Dabei hätten sich viele dieser Aktionen bei einem entsprechenden Budget sehr gut geeignet, um das abenteuerliche Leben des Klaus Störtebeker besser zu beschreiben als es das Taschenbuch auch nur in Ansätzen versucht. Obwohl der Roman mit der Hinrichtung Störtebekers und dem eher fragwürdigen letzten kopflosen Gang endet, bleibt beim Zuschauer das vorletzte Bild hängen, in welchem der Pirat seinen Todfeind im direkten Duell mit einem Messerwurf tötet. Der Kreis hat sich geschlossen, denn ein ähnlicher Wurf rettet dem jungen Mann zu Beginn des Buches/ des Films das Leben. Das ist cineastisch überzeugend, aber in Hinblick auf die historische Figur und jegliche Logik fragwürdig.

Im Vergleich insbesondere zu den beiden hanseatischen Krimis um den Bierbrauer Buddebahn aus der Feder Hans Gerd Stellings ist “Störtebeker stilistisch einfach geschrieben. Es fehlen nicht nur die ausführlichen, informativen und gut in die Handlung integrierten Beschreibungen der beiden angesprochenen Krimis, vor allem die Dialoge sind zu modern, zu dramatisch überspitzt. So unterhält man sich auf der Bühne, aber auf keinen Fall in Hamburg bzw. dem Ostseeraum des 13. Jahrhunderts. Die Liebesgeschichte wirkt ein wenig zu kitschig, zu überdreht. Das Bernsteinherz ist zwar eine nette Idee, das Gold der Ostsee zu verschenken wäre passend, aber wird durch die Frau zwischen zwei Männern im Verlaufe der zu geradlinigen und nicht selten viel zu einfach präsentierten Handlung negiert. Wichtige Figuren wie Gödeke Michel haben zwar ihre Auftritte, gehen aber im Verlaufe der Handlung unter und bleiben immer wieder Stichwortgeber. Über den Bund der Vitalienbrüder erfährt der Leser kaum etwas. Das lenkt von den unterschiedlich interessanten Actionszenen zu stark ab Historisch gesehen hat Störtebeker über die Jahre nicht nur eine Reihe von Schiffen, sondern vor allem die unzufriedenen und armen Männer der Landbevölkerung mehr und mehr um sich geschart. Der Bund dürfte historisch das erste Anarchistenbündnis unter der Führung zweier charismatischer, aber charakterlich sehr unterschiedlicher Persönlichkeiten Klaus Störtebeker und Gödeke Michel gewesen sein. In der TV Fernsehserie ist der Antagonist Simon von Wallenrod eine klassische und sehr eindimensionale, fast klischeehaft überzeichnete Kunstfigur, die das “Böse” schlechthin in sich vereinigen soll. Über Jahre hat er anscheinend die Kassen der Hansestadt Hamburg veruntreut. Er wird natürlich alleine zur Rede gestellt. Eine Ausgangssituation, die jeglicher Logik widerspricht, da insbesondere in Hamburg die Übertäter meistens still und heimlich vor den Senat gebracht werden. Natürlich kann er sich aus der Situation nicht nur befreien, sondern den Doppelmord dem Ziehsohn seines Widersachers zuschanzen. Dann übernimmt er, obwohl er die Tochter des Kaufmanns noch nicht geheiratet hat, dessen Geschäfte. Hier wird die Logik sehr stark verbogen, um von Wallenrod in eine Position zu bugsieren, die ihm ausreichend Macht gibt, seinen Plan umzusetzen. Es erscheint weiterhin unglaubwürdig, das der Vorwurf einer offensichtlichen Unterschlagung von den angesprochenen Dimensionen nicht weiter untersucht worden ist. Immerhin saß Störtebekers Bruder nur im Gefängnis - als Mordverdächtiger, wobei der Mord in einem engen Zusammenhang mit der Korruption gesehen werden muss - und hätte als bislang anständiger Kaufmann auch das Recht, zumindest vor der Gilde auszusagen. Das sich kein wirklicher Widerstands regt, ist eine der fragwürdigen Plotkonstruktionen, die sich durch den ganzen Roman und damit auch die Verfilmung ziehen. Die hübsche Elisabeth liebt natürlich von ganzen Herzen und dem Beginn des Films an Klaus Störtebeker. Auch wenn sie bei der zweiten Begegnung nach dessen „Tod“ von der Verwandlung in einen Piratenkapitän entsetzt ist, hofft sie, das er ihr als einziger in der dänischen Geiselhaft zur Hilfe kommen wird. Der Charakter wird auf der einen Seite diszipliniert und gesittet, beschrieben, auf der anderen Seite kann sie im entscheidenden Moment weniger bürgerlich auch einmal zu langen. Mit einem bodenständigen wandernden Priester, der den jungen Klaus Störtebeker in Sicherheit bringt und später an Bord seiner Schiffe zumindest theoretischen seelischen Beistand spendet, ist die Verbindung zu „Robin Hood“ perfekt. Stellenweise lässt sich ohne Probleme die Weite der See mit dem undurchdringlichen Sherwood Forest austauschen. Viele der Charaktere erinnern an Schablonen der britischen „Helden“. Wallenrod ist der Sheriff von Nottingham, Elisabeth die Lady Marian, einen Bruder Tuck findet der Zuschauer in Person des Priesters wieder und Gödeke Michel setzt sich im Grunde aus verschiedenen Figuren der „Robin Hood“ Saga auseinander. Selbst die eine Version der Herkunft Robin Hood aus einfachen Bürger- bzw. Bauernstand, dessen Eltern ermordet worden sind, lässt sich nahtlos wieder erkennen. Der Drehbuchautor hat es sich sehr einfach gemacht, einen „originellen“ Stoff zu verfassen und Hans Gerd Stelling folgt notgedrungen und wenig enthusiastisch dieser Prämisse.

Hinsichtlich der wenigen historisch verbürgten Fakten fügt Sterlings “Störtebeker” dem Mythos des Piraten dagegen nichts Neues hinzu. Eher das Gegenteil ist der Fall. Der Charakter wird auf ein recht überschaubares Niveau reduziert. Viele Widersprüche überdeckt der Drang nach Rache, der aus der hier angebotenen Plotkonstruktion natürlich nur verständlich ist und dank Wallenrods Vorgehen seine persönliche Note behält. Diese baut der zweite Teil noch drastisch aus. Der Zuschauer bzw. Leser kann bei der vorliegenden Adaption keine historisch überzeugend geschriebene Geschichte wie Backers “Zeelander” oder Bruhns “Störtebeker” erwarten. Aber etwas weniger einfaches Kino, mundgerecht adaptiert, und etwas mehr überzeugende sowie vielschichtigere Geschichte wäre angemessen gewesen. Es empfiehlt sich bei einer Auseinandersetzung mit dem Mythos Störtebeker auf die eingangs angesprochenen Bücher zurückzugreifen und den vorliegenden Band als Appetithappen für das einfache Fernsehvolk zu überspringen. Hätte sich Stelling hinsichtlich der Hintergrund die gleiche Mühe gegeben wie in seinen Roman “Der rote Milan” oder “Der schwarze Falke”, wäre vielleicht noch etwas zu retten gewesen. Aber so überträgt der Autor größtenteils das eher durchschnittliche Drehbuch in Romanform und peppt die klischeehafte Liebesgeschichte/ Schurke-wider-Willen Story zu wenig auf, als das die lange die Aufmerksamkeit des Lesers beansprucht.

Hans Gerd Stelling: "Störtebeker"
Roman, Softcover, 313 Seiten
Aufbau 2007

ISBN 9-7837-4662-2538

Weitere Bücher von Hans Gerd Stelling:
 - Der Blutrichter
 - Der rote Milan
 - Der schwarze Falke

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