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Abenteuer



Eric T. Hansen

Die Nibelungenreise

rezensiert von Thomas Harbach

Es ist der Untertitel, welcher die Aufmerksamkeit auf Eric T. Hansens Reiseerzählung lenkt. Mit einem VW- Bus (Sponsoring muss sein, wie der Autor mehrmals erklärt, auch wenn er auf die zwei Erwähnungen pro Seite deutscher Autoproduktion verzichtet) durchs Mittelalter. In seinem Vorwort erläutert er diese auf den ersten Blick absurd erscheinende These. Keine Zeitreise, keine Fantasy, sondern der Traum seines Lebens. Schließlich liegt es jedem auf Hawai geborenen Mormonen im Blut, durch das kalte und nasse Deutschland zu reisen, um abgeschieden gelegene Burgen, dunkle Gassen und staubige Museum zu besuchen. Eric T. Hansen hat sich von klein auf als Mittelalterfreak entpuppt. Nach seiner Schulausbildung wollte er unbedingt nach Deutschland. Hier angekommen legte er die mormonische Glaubensauffassung ab, verliebte sich in Berlin in ein deutsches Mädchen und schrieb für ein amerikanisches Magazin. Dabei hat ihn immer wieder das Mittealter fasziniert. Kurz vor seiner Rückkehr in die Staaten wollte er sich noch seinen größten Traum erfüllen. Die einzelnen Stätte der Nibelungensaga zu besuchen und dank dieser legendären Dichtung dem Mittelalter auf die Spur zu kommen. Im ausführlichen, sehr humorvoll geschriebenen Vorwort erzählt Hansen von den Schwierigkeiten, diese Idee umzusetzen. Wenig Geld, sehr schnell mit der knappen Kostenkalkulation gescheitert und vor allem eine Reiseroute die sich ständig ändert. Am Ende hat er es geschafft. Am Ende lebte er sogar eine Woche wie ein einfacher Mönch im Mittelalter, ernährte sich von Grießbrei – und Brattwürstchen -, lebte in einer kargen Zelle mit einem Strohbett und las in erster Linie mittelalterliche Gedichte. Aber Eric T. Hansen ist kein reiner Aussteiger, der mit der modernen Gesellschaft nichts mehr anfangen kann. Und „Nibelungenreise“ ist keine klassische Suche nach dem Mittelalter in der Gegenwart. Das Buch wird nach den anfänglich deutlich humorvoller und pointierter geschriebenen Kapiteln ernster. Für Eric T. Hansen ist die Nibelungenreise zu einem Egotrip geworden, in dem er sein eigenes bisheriges Leben auf den Prüfstand stellt. Ohne allzu sehr in philosophische abzurutschen ist der vorliegende Band auch eine interessante Seelenbetrachtung der Deutschen, ihres eigenen Deutschlandbildes und des Landes durch einen Amerikaner, der eine gewisse Sympathie seiner Gastheimat gegenüberhegt, der sich aber auch einmal als Bürger der Siegernation nach dem Zweiten Weltkrieg zu erkennen gibt. Es ist aber weder eine Suche nach gegenwärtig zu findenden Spuren des Mittealters noch eine abgehobene Betrachtung einer idealisierten Zeit aus der eingeschränkten Perspektive eines Fans. Gleich zu Beginn des Buches fällt neben Eric T. Hansens unterhaltsamen und leicht zu lesenden, humorvollen Stil seine Fähigkeit auf, das Mittelalter insbesondere einer jungen, unbedarften Generation sehr plastisch zu beschreiben. Da werden aus Rittern Kommunalpolitiker und aus Seeräubern die ersten reinen Kapitalisten. Niemals die Vorlagen ins Lächerlich ziehend agiert der Autor auf zwei sehr unterschiedlichen, aber idealer weise harmonisch zusammenfließenden Ebenen. Immer wieder erläutert Hansen die geschichtlichen Ereignisse und ihre Auswirkungen bis in die heutige Zeit, auf der anderen Seite trifft er auf seiner Reise bis nach Ungarn – ab dem dritten Kapitel bildet das Nibelungenlied den roten Faden des Buches – auf unterschiedliche Menschen, die im übertragenen Sinne die Ideale des Mittelalters auch heute noch wie selbstverständlich leben. In einer Szenekneipe befragt Eric T. Hansen eine Handvoll junge Menschen, die ihm erstaunliche Antworten hinsichtlich ihrer Idealvorstellungen ihres Lebens und der wahren Liebe geben. Nur in einem Kapitel wird der Autor ein wenig zu pathetisch. Angeblich kann er nur ein All American Girl wirklich lieben, nachdem die Beziehung zu seiner Freundin in Berlin dank des 11. Septembers unter erheblichen Spannungen leidet und er in einer Bar eine hübsche amerikanische Kellnerin
getroffen hat.

Auf den ersten Blick überraschend und eher spätmittelalterlich beginnt Hansens Reise bei dem berühmtesten deutschen Piraten Störtebeker, den es in dieser Form in der Realität wohl niemals gegeben hat. Eric Hansen setzt sich mit dem Mythos des Piraten auseinander und sucht seine Spuren in der Vergangenheit. Wie auch in späteren Kapiteln stellt er die Legendenbildung der zu beweisenden Realität gegenüber und versucht diese beiden sich widersprechenden Extreme gut zu verbinden. Der Leser bekommt vor allem einen sehr informativen, fast plastischen Eindruck dieser Zeit. Prägnant, fundiert recherchiert, humorvoll kommentiert ist dieses erste Kapitel ungewöhnlich schwungvoll geschrieben. In „Freiheit zu verkaufen“ geht der Autor auf die Kaufmannschaften in erster Linie der Hanse ein. Hier fragt sich der Leser trotz der interessanten Fakten schon eher, warum diese Kapitel nicht später in das Buch integriert worden sind. Sowohl Störtebeker um das Jahr 1400 als auch die Hanse gehören zu den Spätausläufern des Mittelalters und die Exzesse, welche Eric Hansen hier bloß stellt und kritisiert finden sich schon in den frühen Zügen des Mittelalters. Ersetzt der Leser die Kaufleute durch Herzöge oder die Ritter durch Piraten, finden sich nicht mehr so viele elementare Unterschiede. In einem weiteren der eigentlichen Thematik des Buches vorgeschobenen Sequenz berichtet der Autor von der Macht und Ohnmacht der Frauen, die aus ihrem Verheiraten sehr viel gemacht haben. In einem späteren Kapitel wird weiterhin auf die unstandesgemäße, aber anscheinend wahre Liebe eingegangen. Immer wieder zieht der Autor Parallelen zwischen dem Gestern und Heute. Das macht seine historischen Anekdoten, die teilweise nicht einmal im Geschichtsunterricht wahr genommen werden, so zeitlos und modern zu lesen.

Hansens eigentliche Reise beginnt natürlich am Rhein und endet schließlich in Ungarn, im Schloss Etzels, des Hunnenkönigs. Der Autor bemüht sich, die zahlreichen Legenden von den wenigen bekannten Wahrheiten zu unterscheiden. Das Nibelungenlied ist in der vorliegenden Form - fünf Abende mit jeweils sechs Stunden werden zum Vortragen benötigt - erst Jahrhunderte später geschrieben worden. Es glorifiziert ein Königreich, das es in dieser Form nie gegeben hat und ist von einer Todessehnsucht durchsetzt, welche das deutsche Volk erst in der Zeit der Hitler Diktatur noch einmal erleben sollte. Für Hansen ist Siegfried zwar auf der einen Seite der strahlende Held, auf der anderen Seite aber auch ein dummer Junge. An Hagen hängt der Autor die alten Begriffe wie Verantwortung und Treue auf, während er Kriemhilds Rachegelüste aus tiefsten Herzen verstehen kann. Vor der Lektüre des vorliegenden Reisebandes empfiehlt es sich, das Grundwissen hinsichtlich der Nibelungengeschichte aufzufristen. Vieles wird von Eric Hansen kurz erläutert oder gar vertiefend erklärt, aber der Leser hat niemals das Gefühl, sich dieser lyrischen Saga aus einer objektiven Perspektive zu nähern. Wie auch, immerhin erfüllt sich mit dieser Reise ein Jugendtraum. Hansen ist auf den heute noch erkennbaren Spuren gewandelt. Mit zahlreichen Farbfotos versucht er den wild romantischen Eindruck dieser Epoche visuell zu unterstreichen. Es sind die unmittelbaren Begegnungen mit dieser fernen Vergangenheit, die rückblickend betrachtet zu kurz kommen. Der Leser hätte sich sehr viel mehr unmittelbare Begegnungen mit den Zeitzeugen - seien es Burgen oder Naturschauspiele - gewünscht. Natürlich ist es originell und anrührend, die Lebensgeschichte der Kriemhilddarstellerin aus Plattling zu lesen. Das Schicksal der jungen Türkin, die schließlich gegen den Wunsch der Familie einen Deutschen geheiratet hat, unterstreicht die teilweise noch vorherrschende Engstirnigkeit der heutigen Generation, aber sie lenkt den Leser wie auch Eric Hansen vom eigentlichen Pfad ab. So wirkt die Nibelungenreise teilweise sehr oberflächlich und manche Passage hinterlässt einen konstruierten Eindruck, um die Seiten zu füllen. Aus der Perspektive eines Amerikaners gelingt es Eric Hansen sehr gut, ein Volk zu zeichnen, für das Patriotismus - die ureigenste zu Lasten anderer Völker gehende Lebenseinstellung der Amerikaner - eher ein Schimpfwort als eine Aufgabe ist. Natürlich haben sich die Deutschen von den verqueren Idealen der Ritterlichkeit und Treue entfernt. Was sich der Leser deutlich mehr gewünscht hätte, das Hansen diese Ideen in der Gegenwart stärker wieder gefunden hätte. Es sind Zufallsbegegnungen, welche den Backcovertext vom unter uns befindlichen Mittelalter unterstreichen.

Gegen Ende des Buches löst sich Hansen noch einmal von den Nibelungen und philosophiert über die Liebe und die Liebeslyrik- unter anderem auch von Walther von der Vogelweide, dem ersten Popstar unter den Minnesängern. Immer wenn sich der Autor von seiner unmittelbaren Suche löst und zu spekulieren/ philosophieren beginnt, lebt diese Reiseerzählung urplötzlich auf und liest sich deutlich flotter und unbeschwerter. Mit „Popstars im Panzer“ gelingt Eric Hansen ein krönender Abschluss. Zumindest im vorliegenden Text haben sich Mittelalter und moderne Chronistenpflicht ideal verbunden.

„Die Nibelungenreise“ ist kein schlechtes Buch. Es liest sich ungewöhnlich schwungvoll, stilistisch ansprechend und humorvoll. Es ist informativ ohne belehrend zu sein. Wie könnte auch ein Amerikaner versuchen, die Deutschen auf dem Feld der eigenen Geschichte zu belehren? Es ist auch mehr als die Umsetzung eines Traums. Immer wieder schweift Eric Hansen zum Wohle des Buches ab und beginnt zu „spinnen“. Seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Wenn sich Mittelalter und Gegenwart verbinden, versucht Eric Hansen Worte zu finden. Worte für das Land, das so anders als seine Heimat ist und das er in mehr als fünfzehn Jahren des Exils lieb gewonnen hat. Aber der Autor ist kein Aussteiger - Geld spielt beim ganzen Projekt wie auch dem Leben danach zumindest eine Rolle - , der sich ganz bewußt gegen die Zivilisation richtet. Immerhin hat diese Gesellschaft den Kaffee hervorgebracht. Es ist aber auch keine Reise in das alte und nicht selten vergessene Mittelalter. „Nibelungenreise“ setzt sich zwischen alle Stühle und kann doch ungewöhnlich gut unterhalten. Auch wenn weder der Leser noch Eric Hansen den Nibelungenschatz bislang gefunden hat. Aber zu dieser Thematik hat er seinen ersten Roman „Nibelungenfieber“ verfasst.

Eric T. Hansen: "Die Nibelungenreise"
Sachbuch, Softcover, 365 Seiten
Piper- Verlag 2007

ISBN 9-7834-9224-5562

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