Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Abenteuer



Daniel Defoe

Robinson Crusoe

rezensiert von Thomas Harbach

Daniel Defoes 1719 veröffentlichte erste literarische Arbeit „Robinson Crusoe“ gilt im Allgemeinen als der erste englische Roman. In der Zwischenzeit ist die „Robinsonade“ zu einem geflügelten Wort der Abenteuerliteratur geworden. Unzählige mehr oder weniger gelungene Verfilmungen haben inzwischen den Blickwinkel auf die im Original „The Life and Strange Surprising Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner: who lived Eight and Twenty Years, all alone in an uninhabited Island on the coast of America, near the Mouth of the Great River of Oroonoque; Having been cast on Shore by Shipwreck, wherein all the Men perished but himself. With An Account how he was at last as strangely deliver'd by Pirates. Written by Himself.“ heißt, verzerrt. Die Geschichte Robinson Crusoes basiert auf den Abenteuern Alexander Selkrik, einem Mitglied der Besatzung des Freibeuters William Dampier. Selkrik liess sich im Gegensatz zu Crusoe freiwillig auf der Insel Mas a Tierra aussetzen. Die Geschichte ist 1713 in der englische Zeitschrift „The Englishman“ veröffentlicht worden. Dabei hat Defoe nur die grundlegende Idee der Isolation eines Engländers/ Europäaers jenseits der bekannten Zivilisation aufgenommen. Die Verfilmungen und Kürzungen insbesondere für spätere Jugendbuchveröffentlichungen haben den Roman auf ein klassisches Stück Abenteuerliteratur reduziert. Defoe hat das Werk erst mit 59 Jahren veröffentlicht, nachdem er unter anderem als Kaufmann Konkurs erlitt und Jahrelang als Herausgeber/ Journalist gearbeitet hat. Zeit seines Lebens hat er sich für eine stärkere politische wie religiöse Freiheit eingesetzt. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist es erstaunlich, dass Defoes Alter Ego „Robinson Crusoe“ im Exil zu Gott zurückfindet, den er zu Beginn des Buches nicht zuletzt aufgrund seines jugendlich aufrührerischen Wesens verpönt hat. In den Jahren des Exils wird Robinson Crusoe zu einem anderen Menschen. Immerhin verbringt Crusoe 28 Jahre auf der Insel. Jahre später wird Alexandre Dumas in „Der Graf von Monte Christo“ einen Menschen ähnlich lange isolieren. Strukturtechnisch haben Defoes und Dumas Werk in dieser Hinsicht große Ähnlichkeiten. Es ist nicht leicht, die Perspektive auf einen einzigen Charakter zu konzentrieren. Mit der Berichtsform negiert Defoe einen Teil der Spannung, der Leser weiß von Beginn an das Robinson Crusoe überleben wird. Teilweise greift der Autor auf literarische Hilfen wie ein Pro/ Contra – Liste sowie direkte Tagebuchaufzeichnungen zurück. Die literarische Struktur des Romans wirkt bei diesen Passagen ein wenig zu konträr zu der beschriebenen Handlung, ist aber für ein Werk, das fast dreihundert Jahre alt ist, erstaunlich modern. Aber „Robinson Crusoe“ ist viel mehr als nur ein Klassiker der Abenteuerliteratur. Die eher oberflächliche und sich erst spät im Roman zeigende Gesellschaftskritik steht deutlich der Auseinandersetzung mit dem (eigenen) Schicksal gegenüber.

Ganz bewusst beginnt und schließt Defoe seinen Roman als moralische Fabel. Robinson Crusoe missachtet zweimal den Rat seines Vaters. Am Ende des Buches – etwa das letzte Drittel – wird niemand mehr Robinsons Rat/Anweisungen/ Empfehlungen widersprechen. Das gilt gleichermaßen für den geretteten Menschenfresser und Sklaven Freitag wie auch den Kapitän eines spanischen Schiffes, den Crusoe rettet. Während Crusoes Vater aus bürgerlichen und kaufmännischen Verhältnissen stammt und mit seiner gesetzten bis langweiligen Lebensart den klassischen Mittelstand vertritt, möchte der Sohn Abenteuer erleben und die sieben Weltmeere bereisen. Schon die erste Ausfahrt mit einem starken Sturm sollte ein Hinweis Gottes sein, den Crusoe natürlich missachtet. Er wieder aufs Meer hinaus. Im Gegensatz allerdings zu geradlinigen und klassischen Abenteuergeschichten segnet Gott oder stellvertretend der Autor seinen Protagonisten mit dem entsprechenden Hochmut vor dem Fall. Nach einer Reihe von eher schwierigen Reisen kommt Crusoe nach Brasilien, wo er sich erfolgreich als Landbesitzer und Farmer niederlässt. Er verdient sehr viel Geld und lässt sich anheuern, billige Arbeitskräfte – sprich farbige Sklaven – aus Afrika nicht nur für die eigene Plantage, sondern auch die der Nachbarn zu holen. Auf dem ersten Gipfel seines wirtschaftlichen Ruhmes bestraft ihn Gott mit der Isolation auf der einsamen Insel. Diese ersten Kapitel sind im Vergleich zum Gesamtroman ungewöhnlich kompakt. Es ist aber erstaunlich, dass sich die eben zusammengefasste Geschichte im Kleinen auf der Insel wiederholt. In beiden Fällen kommt Robinson Crusoe mit wenig mehr als das was er am Körper trägt an. Sowohl in Brasilien als auch auf der Insel schafft er sich mit der eigenen Hände Arbeit ein kleines Imperium. Am Ende des Buches hat Crusoe nicht nur seine eigene Hütte oder kleine Festung, Land zum Anpflanzen des Getreides, Viehzucht, einen Sklaven mit dem willigen und dann bekehrten Wilden Freitag, sondern er befiehlt mit den befreiten Gefangenen eine kleine Armee von insgesamt sieben Leuten. Aus der etwas verqueren, aber im 17. Jahrhundert nicht unbekannten Logik, dass wirtschaftlicher Aufstieg zu Lasten der Wilden oder Ureinwohner durchaus Gottes Wille ist, heraus wird „Robinson Crusoe“ besonders in der englischen Originalfassung zu einer interessanten These. So hortet Crusoe trotz seiner mehr als achtundzwanzigjährigen Isolation auf der Insel Geld, das er später in der Zivilisation scheinbar übergangslos wieder einsetzen kann. So verleiht er seine Insel nur an die spanischen Meuterer, um sie später zu besuchen, ihnen Vieh und Frauen zu bringen, aber das herrenlose Eiland, das ihm nicht gehört, will er ihnen nicht „schenken“. In doppelter Hinsicht – einmal die Plantagen in Brasilien als auch die einsame Insel – ist Robinson Crusoe über den Überlebenskampf hinaus ein klassischer Kapitalist.

Darüber hinaus ist „Robinson Crusoe“ neben den ungeheuer spannenden und auch heute noch faszinierenden Abenteuerstrang ein klassischer Bildungsroman. Gleich zu Beginn des Buches zeigt Defoe auf, dass Crusoe sich im Grunde in seinem bisherigen Leben langweilt und neue Herausforderungen sucht. Gott rettet den Unbelehrbaren zweimal aus Lebensgefahr, aber Crusoe wird nur kurzzeitig klug. Erstaunlicherweise passiert ihm später weder bei der Bärenjagd in Spanien noch auf zahlreichen weiteren längeren Seefahrten etwas. Etwas simplifiziert suggeriert Defoe, dass man( Crusoe) zu Gott finden muss, um auf allen Wegen sicher wandeln zu können. Diese Wandlung auf der einsamen Inseln abseits der inzwischen gottlos gewordenen Zivilisation nimmt natürlich den breitesten Raum des Romans ein. Es ist erstaunlich, mit welcher Akribie Defoe/ Crusoe auf der einen Seite die diversen Fahrten zum gestrandeten Wrack und die Bergung diverser überlebenswichtiger Materialien beschreiben, auf der anderen Seite bei den verschiedenen handwerklichen „Meisterwerken“ eher ambivalent und oberflächlich bleiben. Je länger Defoe auf der Insel in Ehrfurcht bleibt, um so stärker wird sein Glaube an Gott und vor allem desto dankbarer zeigt er sich. Dazu gehört aber auch „kräftiges, fast biblisches“ Wunder. So wächst auf der Inseln Getreide ohne Aussaat. Allerdings befanden sich in den geborgenen Säcken Körner für die Hühner. Mensch und Gott müssen zumindest impliziert Hand in Hand arbeiten. Trotzdem ist von der Gesamtkonzeption des elementaren Mittelsteils kein Zufall, dass Crusoe, nachdem er Freitag rudimentäres Englisch beigebracht, ihn bekehrt und so auf eine Stufe unter ihm hievt. De christliche Allegorie ist perfekt. Zu den auch heute noch effektivsten Szenen – hervorragend geschrieben – gehört der Fußabdruck im Sand des Strandes. Mit dem Auftauchen der Kannibalen verlässt Defoe das bisher phlegmatisch ruhige, aber ungewöhnlich intensive geschriebene Mann-gegen-die-Natur Szenario und führt ebenfalls nach dem biblischen Prinzip den missionarischen Überlebenskampf des Gläubigen gegen die Übermacht der Wilden in die Handlung ein. Aus heutiger Sicht unglaublich dauert es drei Jahre, bis Crusoe nach dem Entdecken des Fußabdrucks auf die Kannibalen trifft. Das Vergehen einer ganzen Lebensgeneration – die Menschen starben im 17. Jahrhundert sehr viel jünger als heute - findet nur spärlich seinen Widerhall in den Beschreibungen. Der Zeittafel wird im Grunde widersprochen, weil sich Crusoe in den letzten Kapiteln ohne Probleme in der Zivilisation wieder zurecht findet und schnell sein direktes Erbe bzw. die Früchte seiner Plantage in Besitz nehmen kann. Auf den letzten Seiten negiert Defoe viele der christlichen Botschaften der Nächstenliebe und des wahren Glaubens, in dem er Crusoe als Herren auch wieder über Sklaven beschreibt. Unabhängig von dem eher unglaubwürdigen und zu stark auf ein Happy End hin konstruierten Ende ist diese Auseinandersetzung mit dem Unwillen der Natur und sich selbst. Nicht umsonst gehört neben dem angesprochenen Fußabdruck auf dem Strand folgende Szene zu den eindruckvollsten Passagen eines Romans. Alleine auf dem Strand, auf sich selbst gestellt, kniend betet Crusoe zum ersten Mal aus voller Überzeugung zu Gott.

“This was the first time that I could say, in the true Sense of the Words, that I pray'd in all my Life;
for now I pray'd with a Sense of my Condition, and with a true Scripture View of Hope founded on
the Encouragement of the Word of God; and from this Time, I may Say, I began to have Hope that
God would hear me.”
Dank der Unstützung dreier Bibeln als einzige Bücher, welche den Schiffbruch überstanden haben, stellt sich Crusoe dem Kampf gegen die Natur aus reinem und niemals wirklich herausgeforderten Überlebenswillen – Selbstmord ist in diesem christlichen Roman kein Thema . Er schließt nicht nur seinen Frieden mit Gott, in dessen Hände er sein Schicksal nur im übergeordneten Sinne legt, sondern bekämpft seine innere Unruhe. Ähnliche Passagen finden sich später in einigen von H.G. Wells weniger bekannten Romanen wieder.
Die abenteuerliche Geschichte ist nur in einem Punkt unterdurchschnittlich entwickelt. Robinson Crusoe ist von seinen ersten Zeilen an kein zugänglicher Charakter. Zu erst arrogant und selbst verliebt, später gelingt ihm zu viel aus eigener Kraft und Rückschläge finden kaum statt. Nach dem Verlassen der Insel ist Crusoe ein klassischer Obermensch, der seinen getreuen Freitag – inzwischen mehr eine Art Kammerdiener – immer an seiner Seite und zu jeder Drecksarbeit bereit findet. Für ein Werk, das sich ausschließlich auf einen Charakter stützt, erscheint die Ausarbeitung des Protagonisten fast rudimentär. Als wenn Defoe einen Bogen von seinem einsamen Schiffbrüchigen zu allen Menschen schlagen möchte. Trotz der angesprochenen Schwäche ist „Robinson Crusoe“ auch heute noch nicht nur ein Klassiker der Abenteuerliteratur, in seinen implizierten Botschaften von positiver Willensstärke und Gottesglauben ist das Buch zeitlos. Es liest sich insbesondere in der ungekürzten und nicht bearbeiteten Originalfassung sehr viel flüssiger als der Leser bei einem derartig „alten“ Werk vermuten würde.


Daniel Defoe: "Robinson Crusoe"
Roman, Hardcover, 384 Seiten
CRW Publishing 2007

ISBN 9-7819-0571-6067

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::