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Abenteuer



Jules Verne

Magellania

rezensiert von Thomas Harbach

“Magellania” ist eines der sechs Manuskripte, die Jules Verne nach seinem Tod unveröffentlicht zurückgelassen hat und die Michel Verne auf Wunsch der Verlage umfangreich umgeschrieben und positiv gestaltet hat. Inzwischen liegen die meisten Werke in den originären Fassungen Jules Vernes teilweise sogar auf Deutsch – „Die Meteorjagd“ oder „Das Geheimnis von Wilhelm Storitz“ – vor. Die im Jahre 2002 in England als Hardcover veröffentlichte Urfassung von „Magellania“ ist 1897 entstanden. Unmittelbar nach dem Tode von Jules Vernes Bruder und zu einem Zeitpunkt, als sich der Franzose nicht mehr körperlich wohl gefüllt hat. Literarisch folgt das Buch in der Chronologie auf „Robur, der Eroberer“, ein an sich schon dunkles, wenn auch nicht gänzlich nihilistisches Buch. Michel Verne hat den Stoff 1909 umgeschrieben und als „The Survivors of the Jonathan“ – im Grunde nehmen die Schiffsbrüchigen und ihre Überlebensgemeinschaft nur die zweite Hälfte des Plots ein - veröffentlicht. Das Originalmanuskript ist erst 1977 im Nachlass der Hetzel Familie entdeckt und ursprünglich in zwei Teilen als „Masterless Man“ und „Unwilling Dictator“ – sehr gekennzeichnet für die beiden sehr unterschiedlichen Hälften des Romans – veröffentlicht worden.
Der Roman führt einen geheimnisvollen und bis zum Ende des Buches auch geheimnisvoll bleibenden westeuropäischen Charakter namens Kaw-djer ein, der aus nicht näher beschriebenen Gründen sich in dem zu Beginn des Plots noch freien Feuerlandes aufhält. Bis auf einen längeren historischen Exkurs in die abenteuerliche Entdeckungsgeschichte dieser Region konzentriert sich Jules Verne im ersten Viertel des Buches auf Kaw-djer. Obwohl ein Einsiedler ist er kein Menschenfeind in der Tradition eines Kapitän Nemos oder eben Roburs.
Sein Motto ist „Neither God, nor master“ – obwohl er zumindest die Herrenrolle im Verlauf des Buches unfreiwillig übernehmen muss. Kaw-djer ist ein Atheist und im Grunde auch ein Anarchist, der an den absolut freien Handel glaubt und vor allem den Unterdrückten hilfreich und aufopferungsvoll zur Seite steht. Da er in den modernen Zivilisationen seine Ideale nicht mehr verwirklichen konnte, hat er sich in die Einsamkeit zurückgezogen. Seine Furcht, dass ihn die verrottete Zivilisation eher früher als später einholen wird, verwirklicht sich im vorliegenden Roman zweimal. Zum einen als er einen Ureinwohner und dessen Sohn rettet. Die beiden eher unwichtigen und allerhöchstens als Reflektion der Verne´schen Thesen geltenden Nebenfiguren sind spärlich entwickelt, reißen aber Kaw-djer phasenweise aus seiner in Depressionen und Selbstmordabsichten gipfelnden Isolation. Zum anderen, als Kaw-djer mit seinen beiden Helfern die Schiffbrüchigen der „Jonathan“, eines durch Meuterei vom Kurs abgekommenen Segelschiffes zum Teil retten und auf einer einsamen Insel während der unwirtlichen Wintermonate ansiedeln kann. Das Erstaunliche an der Figur Kaw-djers ist, das Verne bislang bekannte Ideale – siehe eben in einer überspitzten Charakterzeichnung den schon angesprochenen Nemo – in diesem Spätwerk als absurd und unrealistisch entlarvt. Je tiefer Kaw-djer in die sozialen wie politischen Strukturen der von ihm eher unfreiwillig gegründeten Siedlung eingebunden wird, desto mehr muss er seine bisherige Lebenseinstellung sowie seinen Glauben aufgeben. Neben der Etablierung einer ausgesprochen modernen Regierung, der Ausübung des freien Handels und eine spürbare Ausrichtung der Gesellschaft auf gänzliche Autarkie insbesondere von den aus seiner Sicht weiterhin korrupten Regierungen Argentiniens und Chile findet Kaw-djer etwas überzeugen und eher impliziert zu Gott und einem christlichen Glauben. Noch stärker als seine Jahre vorher veröffentlichten Robinsonaden – „Die geheimnisvolle Insel“ im Kleinen, „Zwei Jahre Ferien“ sowie „Die Schweizer Familie Robinson“ und insbesondere „Das zweite Vaterland“ – arbeitet der Autor teilweise konträr, aber leider nicht vollständig durchdacht wirkend die Vorteile demokratischer Volkssysteme in Verbindung mit freiem Handel gegenüber klassischer Anarchie heraus. In diesem einen relevanten Punkt schließt „Magellania“ eine sich wie ein roter Faden durch Vernes Werk ziehende soziale wie politische Auseinandersetzung mit den Zuständen seiner französischen Heimat ausgesprochen zufriedenstellend und mit viel Altersweisheit analysiert ab. So ist es möglich, dass europäische allerdings weibliche Flüchtlinge Angehörige der einheimischen Indianerrasse – allerdings auch nur sich überdurchschnittlich für die Gemeinschaft einsetzende „Helden“ - sogar heiraten können.
Auf den letzten Seiten muss Jules Verne – wie es sich für alle seine Romane gehört – um Spannung zu erzeugen, diese im Grunde idealisierte wie idyllische Glaubensgemeinschaft sprengen. Im Gegensatz zu seinen anderen Arbeiten kommt die Gefahr nicht von außen, sondern von ihnen- schon als Jules Verne die „Leidensgeschichte“ der Jonathan während ihrer Überfahrt erzählt, deutet sich die klassische Opposition – gesetzloses, egoistisches Gesindel, das nur dank strenger Überwachung kontrolliert werden kann – an. In diesem Punkt wirkt der Handlungsverlauf ausgesprochen mechanisch. Kwar-djer muss seine anfängliche Ablehnung der Bekleidung eines öffentlichen Amtes überdenken und seine bislang eher propagierten denn in der Einsamkeit wirklich ausgelebten anarchistischen Grundsätze überdenken. Ihm gelingt es – sicherlich keine Überraschung – eine moderne gesellschaftliche Order wieder herzustellen. Wie es sich für Vernes Antihelden gehört, geht er am Ende des Romans ins selbst gewählte Exil. In diesem Punkt folgt der Roman im Grunde den in „20.000 Meilen unter dem Meer“ bzw. „Robur, der Eroberer“ aufgezeigten Gesetzmäßigkeiten, wobei Kwar- djer als stilisierter Held wider Willen überleben darf. Das Buch endet ausgesprochen optimistisch.
Der Präsident der Jules Verne Gesellschaft Olivier Dumas versucht in seinem ausführlichen Vorwort den vorliegenden Roman – Manuskript ist sicherlich die bessere und fairere Bezeichnung – als ein lange verschollenes Meisterwerk zu preisen. Gleichzeitig attackiert Dumas alle Überarbeitungen – im vorliegenden Band sind die exzessiv gewesen – Michel Vernes als Farce und als Manipulation der Interessen des Vaters. Dabei schießt Dumas deutlich über das Ziel hinaus und verhellt eine Tatsache. Jules Verne hat seine Texte meistens mehrfach überarbeitet. Nach der Rohfassung begann für den Franzosen erst die Arbeit. „Magellania“ wirkt eher – auch nicht letzt aufgrund der ungewöhnlichen Kürze – wie ein unfertiges Manuskript, in welchem zu viele Passagen berichtet, aber nicht erzählt werden. Nur einzelne Szenen – wie der Selbstmordversuch, unterbrochen durch den Hilfe herbeirufenden Kanonenschuss der „Jonathan“ – wirken schon ausformuliert und sind deswegen ausgesprochen packend. Die Handlungen der einzelnen Charaktere – insbesondere Kwar- djers – wirken ausgesprochen mechanisch, als wenn ihnen das Fleisch der umfangreichen Dialoge Vernes noch fehlt. Das lässt die erste Hälfte des Buches distanziert, unterkühlt und vor allem zu belehrend erscheinen, während die zweite deutlich interessantere Hälfte des Plots viel zu hektisch, zu komprimiert und hinsichtlich der originären politischen Ideen nicht selten zu wenig konsequent extrapoliert erscheint. Auch die Übersetzung von Benjamin Ivry wirkt sperrig, zu wenig fließend und zu ehrfurchtsvoll vor dem literarischen Vermächtnisses Vernes.
Auf der anderen Seite ist „Magellania“ trotz oder gerade vielleicht wegen der Unfertigkeit, mit der sich der Text in einer Rohform präsentiert, eine ausgesprochen wichtige Neuveröffentlichung, die nicht nur einen inzwischen Altersweisen, aber auch der Zivilisation per se und dem Menschen im Besonderen kritisch bis skeptisch gegenüberstehenden Jules Verne präsentiert, sondern einen interessanten, insbesondere im Zeichen einer rücksichtslosen Globalisierung ausgesprochen modernen wie spürbar politischen Blick auf einzelne Tendenzen wirft. Das nach dem Schiffsunglück, dem plötzlich aufkommenden und eher unbegründeten Goldrausch sowie der Unfähigkeit, sich als Gleiche unter Gleichen selbst zu regieren, ein gutmütiger Diktator für Ruhe und Ordnung sorgt, wirkt aus heutiger Sicht beunruhigend naiv. Zwischen den Zeilen drückt Verne aber ausgesprochen modern aus, dass Regierungen sich in erster Linie um das Schicksal der ihnen anvertrauten Menschen kümmern müssen und nicht dazu da sind, das eigene Ego zu fördern. Im Michael Vernes Version führt diese Hinwendung zu Kwar-djer schließlich zur Selbstzerfleischung und Zerstörung der Kolonie, während der erfahrene Verne in der vorläufigen Konzentration der Macht den Keim für eine friedliche Zukunft gesucht und zumindest im vorliegenden, etwas ambivalent geschriebenen Werk auch gefunden hat. Zusammengefasst ist „Magellania“ insbesondere für Verne Fans eine interessante, wenn auch nicht fehlerfreie oder gar an seine Meisterwerk heranreichende Wieder - bzw. ehrlicherweise Neuentdeckung, die viele bekannten Facetten seines Schaffens in einer kraftvollen, diskussionswürdigen, wenn auch teilweise übertrieben konträren Rohform präsentiert. Wer sich erstmalig den außergewöhnlichen Reiseromanen des Franzosen zuwenden möchte, ist mit den bekannten Klassikern besser bedient.





Jules Verne: "Magellania"
Roman, Hardcover, 187 Seiten
Welcome Rain 2002

ISBN 9-7815-6649-1792

Weitere Bücher von Jules Verne:
 - 20.000 Meilen unter den Meeren
 - Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd- Afrika
 - Das Geheimnis des Wilhelm Storitz
 - Die Jagd auf den Meteor
 - Ein Kapitän von fünfzehn Jahren
 - Matthias Sandorf
 - Reise um den Mond

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