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Abenteuer



Gene Wolfe

Pirate Freedom

rezensiert von Thomas Harbach

Sicherlich haben seine Fans sehr viel erwartet, nachdem der Amerikaner Gene Wolfe seine Duologie um den Ritter abgeschlossen hat. Kaum ein Autor ist wandelbarer, bewegt sich so ĂŒberzeugend und sicher zwischen den Genres. Das er Michael Crichton mit seinem im Nachlass gefundenen Piratenroman “Gold” folgen sollte, ist vielleicht noch nicht einmal eine Überraschung. Schon Tim Powers ist es vor zwei Jahrzehnten gelungen, dem Piratengenre mit “On stranger Tides” neues Leben einzuhauchen. Das er aber die gleiche PrĂ€misse und einen Ă€hnlich gestalteten “Helden” nimmt, um die Geschichte - wie der Protagonist immer wieder eher unglaubwĂŒrdig verkĂŒndet - als Kompaktversion nur in einem anderen Jahrhundert spielend noch einmal erzĂ€hlen wĂŒrde, hat sicherlich ĂŒberrascht.
“Pirate Freedom” ist kein schlechter Roman, stilistisch ausgesprochen ambitioniert erzĂ€hlt und solide mit etwas Ironie erzĂ€hlt. Aber Gene Wolfes Erwartungshaltung an den Leser ist derartig ambivalent oder komplex oder oberflĂ€chlich, dass der Roman zu einem VergnĂŒgen und einem Frusterlebnis zu gleich wird.
Wie fast alle seine BĂŒcher aus der Ich- Perspektive mit einem immer noch
UnzuverlĂ€ssigen, aber deutlich ehrlicheren ErzĂ€hler geschrieben integriert Gene Wolfe die Idee der Zeitreise aus dem Affekt ohne Maschine oder ĂŒbernatĂŒrliche Erscheinung derartig beilĂ€ufig, dass der Leser sie anfĂ€nglich ĂŒberlesen könnte. ZusĂ€tzlich hat der Amerikaner seinen Plot mit einem unvollstĂ€ndigen Rahmen umgeben. Sie beginnt in einer nicht nĂ€her extrapolierten Gegenwart, in der Father Chris wĂ€hrend der Beichte seinem SchĂŒtzling offenbart, dass er auch Menschen ermordet hat. Auf schreckliche Art und Weise ĂŒber die reine Selbstverteidigung hinausgehend. NatĂŒrlich gibt sich der eigentliche Beichtende mit dieser Antwort nicht zufrieden. Das Resultat ist der vorliegende Roman. In einem abgeschiedenen traditionellen Kloster auf Kuba aufgewachsen, von seinem Vater vergessen fĂ€llt Chris irgendwann von der Gegenwart in das 16. Jahrhundert, in die Hochphase der Piraten. Diese Zeitreise ĂŒberrascht ihn - sicherlich theoretisch abgemildert durch die Distanz zwischen Erlebten und Niedergeschriebenen - zu wenig,. Gene Wolfe nimmt diesem PhĂ€nomen jegliche EmotionalitĂ€t und erzĂ€hlt sie distanziert, aber weniger ansprechend als zum Beispiel in seinem Meisterwerk “The Knight”. Genauso erfolgt die RĂŒckkehr auf der letzten Seite. Zwischendurch scheint er auch kurz der Gegenwart des Lesern zu begegnen, diese Abschnitte werden in die laufende Handlung wie angeblich Altersweise Kommentare eingeblendet, verwirren aber mehr, als dass sie dem Handlungsbogen das teilweise dringend notwendige Fleisch geben.
Chris findet sich ausgesprochen schnell - ohne auf die barbarischen Tugenden HowardÂŽschen Helden in Romanen mit “Almuric” zurĂŒckgreifen zu mĂŒssen - in der Vergangenheit zurecht und macht aufgrund seiner Sprachkenntnisse - er kann neben Englisch auch Spanisch und Französisch - sowie seiner unglaublichen schnellen, teilweise unglaubwĂŒrdig erscheinenden Auffassungsgabe Karriere. Aber so schnell er Geld bzw. Gold verdient, so schnell verliert er es auch wieder.
AnfĂ€nglich beschreibt Gene Wolfe seinen klassischen Helden weniger als eine moderne Inkarnation eines Fremden an König Arthurs Hof, sondern als zutiefst religiösen Mann, der auf dem schmalen Grad zwischen Gottesglauben/ Gottesfurcht und der Notwendigkeit, in den harten Zeiten zu hin und her wandelt. Über Chris Vorleben in der Gegenwart des Lesers erfĂ€hrt man nur rudimentĂ€re Informationen. Chris Vater war anscheinend ein Gangster, der aus den USA kommend auf Kuba ein Kasino eröffnen wollte. Eines Tages kommt er nicht mehr zurĂŒck, wahrscheinlich von einer gegnerischen Bande oder Einheimischen ermordet. Im Verlaufe der Geschichte greift Chris trotz seiner Untaten - er gesteht spĂ€ter neben ungebĂŒhrlichen Verhalten bei Duellen, der körperlichen Liebe zu mindestens zwei Frauen, Diebstahl spĂ€ter auch, dass er nach dem Auge um Auge/ Zahn um Zahn Prinzip auch Gefangene gefoltert und ermordet hat, um GestĂ€ndnisse aus den anderen Festgesetzten zu pressen - auf das eigentliche christliche Bild des Vaters - VĂ€ter treten in mehreren Inkarnationen auf und schließen auf einer erstaunlich freundlichen Note auch die VergangenheitserzĂ€hlung ab - , den unschuldigen Jungen und schließlich des Piraten. Neben einer offensichtlichen Judas Episode, die Chris letzt endlich davon ĂŒberzeugt, dass er nur als Pirat in dieser Zeit ĂŒberleben kann, erstaunt wie verblĂŒfft den Leser, dass Chris nur das VerfĂŒhren von Kindern durch katholische Priester an den Pranger stellt, wĂ€hrend fĂŒr ihn ein sechzehnjĂ€hriger Junge schon alleine entscheiden kann, ob er sich zum Priester körperlich hingezogen fĂŒhlt oder nicht. Diese HĂ€resie negiert immer wieder den von Gene Wolfe aufgebauten Sense of Wonder. So erzĂ€hlt der erwachsene Chris nicht selten davon, dass die EintrĂ€ge insbesondere in den Internetdatenbanken ĂŒber Piraten nicht stimmen. VerblĂŒfft und kindlich berĂŒhrt reagiert er, als er sich selbst unter einem verstĂŒmmelten Namen in den DatenbĂ€nken wieder findet. Chris ist sicherlich die dominierende Gestalt des Buches, aber auch leider die langweiligste Figur. Der Leser weiß - er kehrt ja in die Gegenwart zumindest zeitweise zurĂŒck -, dass er die Geschehnisse ĂŒberleben wird. Chris spielt in einigen Szenen sogar mit seinen Lesern, in dem er die Gefahren ĂŒbertrieben extrapoliert, um dann eine gerade zu simple, manchmal auch hinterhĂ€ltig perfide Auflösung anzubieten. Viel interessanter ist sein anfĂ€nglicher Mentor, der ehemals britische KapitĂ€n Burt, der taktisch teilweise zu raffiniert vorgeht, aber in sich viele der eisernen Gesetze der Piraten vereint. Gegen Ende des Buches zeichnet ihn Gene Wolfe zu weich, aber er wirkt deutlich lebendiger und lebhafter als Chris. Bei den Frauenfiguren ist Chris zweite Freundin Novia nach Tournours exzellentem Piratenfilm “Die Piratenbraut” gezeichnet worden, wobei die zahlreichen sexuellen Szenen - nicht unbedingt expliziert, aber auch nicht erotisch stimulierend beschrieben - im Vergleich zum Gesamtkomplex der Handlung zu zahlreich sind. Die ursprĂŒnglich Einheimische Azuka ist ein klassischer Gegenentwurf zu Novia. Ebenso impulsiv wie aggressiv, aber auch mit einer spĂŒrbaren BauernschlĂ€ue gesegnet, dazu anpassungsfĂ€higer und entschlossener, ihr Revier zu verteidigen.
Plottechnisch schwankt “Pirate Freedom” zwischen ausgesprochen unterhaltsam und fragmentarisch hin und her. Immer wieder betont der ErzĂ€hler Chris, dass er nicht alles nieder schreiben kann, dass ihm die Zeit weglĂ€uft, ohne das der Leser diese Behauptungen irgendwo belegt sieht. Zu den interessanten Sequenzen gehört das detailliert beschriebene Leben an Bord der Piratenschiffe, dass von Chris immer wieder relativiert wird. So sind Piraten nicht die Ă€lteren erfahrenen MĂ€nner aus den bekannten Filmen, sondern noch nicht einmal erwachsen. Das Leben an Bord ist hart, aber auch gerecht. Die Möglichkeit, sich immer wieder nach rudimentĂ€rer Demokratie einen neuen Captain zu wĂ€hlen, symbolisiert ihr freiheitliches Leben. Im Vergleich zu Michael Crichtons deutlich lebhafteren, mit mehr GefĂŒhl fĂŒr ein reines Abenteuer geschriebenen Piratenroman “Gold” ĂŒberzeugen die Actionsequenzen weniger, sie werden von Gene Wolfe absichtlich distanziert, emotionslos und teilweise fast phlegmatisch beschrieben. Die Umsegelung von Kap Horn gehört zu den schwĂ€chsten Passagen des Romans. Obwohl es fĂŒr einen so erfahrenen und routinierten Schriftsteller wie Gene Wolfe unglaublich klingt, entwickelt er im Verlaufe der Geschichte kein GespĂŒr fĂŒr die See, fĂŒr das SpĂŒren von Wind und Wellen. Das Ende ist ein typischer Antihöhepunkt, nach dem Chris viele Freunde und Feinde kennen gelernt hat. Vor allem in einer der ĂŒberraschenden Wendungen des Plots verrĂ€t es der ErzĂ€hler seinen Lesern schon gut nach der HĂ€lfte des Buches, alleine das wann bleibt als Frage offen.
Im Gegensatz zu “The Knight” sind AnsĂ€tze einer Allegorie schwer zu erkennen. Der Text liest sich stilistisch wie schon erwĂ€hnt ausgesprochen ansprechend. Gene Wolfe geht förmlich in seiner Sprache, aber auch in der Zeit auf, die er zu beschreiben sucht. Das Problem ist der eigentliche Plot, der sich an den nicht unbedingt negativ geschriebenen Klischees des Genres entlang hangelt, sicherlich manche bekannte Sequenz aus den unzĂ€hligen Piratenfilmen und Geschichten kopiert, aber zu wenig eigenes Leben entwickelt. Ungewöhnlich fĂŒr Gene Wolfe ist “Pirate Freedom” ein Roman, der einfach nur Spaß machen soll. Nicht mehr, aber auf keinen Fall weniger. Unter dem zu langen Schatten des sehr viel ambitionierter und herausfordernder geschriebenen “The Knight” geht diese “kleine” Geschichte förmlich unter und befriedigt nicht die Erwartungen, die grundsĂ€tzlich an das Werk des Amerikaners gestellt werden.

Gene Wolfe: "Pirate Freedom"
Roman, Softcover, 320 Seiten
Tor Books 2007

ISBN 9-7807-6531-8794

Weitere Bücher von Gene Wolfe:
 - Der Zauberer: Mythgarthr 02
 - Home Fires
 - Mythgarthr 1- der Ritter

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