Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: SachbĂŒcher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Abenteuer



Joe Lansdale

The magic Wagon

rezensiert von Thomas harbach

Mit “The Magic Wagon“ aus dem Jahr 1986 liegt fĂŒr das Kindle einer der frĂŒheren Arbeiten Joe Lansdale neu aufgelegt vor. Auch wenn die Geschichte aus der Zeit vor seiner Hardboiled Kriminalromane und seiner “New Weird Western” liegt, finden sich Aspekte dieser beiden sich spĂ€ter nachhaltig ausgebildeten Richtungen Lansdales in dieser stimmungsvollen, sehr kompakten Novelle.
Die Geschichte spielt wÀhrend des ausgehenden 19. Jahrhunderts. In einer Zeit, als die letzten RevolvermÀnner mehr den Legenden der populÀren Dime Novels glaubten als das sie sich an die eigenen Taten erinnern konnte. Einer Zeit, in der Lincolns Traum von der Befreiung der Schwarzen nach und nach abbröckelte und die Rassenunterschiede wieder aufbrachen, wenn die RevolvermÀnner Indianer und Farbige nicht als vollwertigen Duellerfolg werteten. Aber auch einer Zeit, in welche der Aberglaube immer noch weit verbreitet ist. Und auf diese Aspekte geht Lansdale in seiner grundlegend realistischen, aber wenig subtilen Novelle verstÀrkt ein.

Mit dem Ich- ErzĂ€hler Buster Fogg verfĂŒgt der Autor ĂŒber ein klassisches Greenhorn, das zwischen den alten goldenen Zeiten des Wilden Westen und einer fortschreitenden Modernisierung steht. Fogg berichtet in der RĂŒckblicke der Novelle von seinem eigenen bizarren Schicksal. Aufgewachsen auf einer armseligen Farm zerstört ein “Twister” das FarmgebĂ€ude, trĂ€gt seine Mutter nicht unbedingt nach Kansas fort und tötet seinen Vater. Der wird von einer von Buster liegen gelassenen Mistgabel, welche der Sturm fortgeschleudert hat, getötet. Von der Farm vertrieben trifft er wĂ€hrend seiner Reise in die nĂ€chste Stadt auf einen Planwagen, aus dem heraus Billy Bob Daniels, der Exsklave und Exsoldat Albert und Rot Toe, ein gigantischer Affe, der Ringen kann, gepanschte Medizin verkaufen. WĂ€hrend der krĂ€ftige Albert ein sehr ruhiger Vertreter ist, der aufgrund seiner Lebenserfahrung viele emotionale Wellen ausgleichen kann, sieht sich Billy Bob Daniels zumindest in der Fiction als Wild Bill Hickocks unehelicher Sohn. Er hat von - der zweite RĂŒckblick gibt einen bessere Einblick und stellt den bizarren Höhepunkt der ganzen Novelle dar - in der NĂ€he der berĂŒhmten Stadt Deadwood einem Indianer den Leichnam Wild Bills “gekauft“. Das Skelett stellt er aus, die Waffen des berĂŒhmten Revolvermanns hat er an die Knochen gebunden. Buster Fogg ahnt nicht, dass mit ihrer RĂŒckkehr nach Deadwood sich ein eher tragischer Kreis schließt.

Joe Lansdale bewegt sich absichtlich auf einem schmalen Grad zwischen vielleicht absichtlich ĂŒberzeichneten Realismus einer harten, brutalen und skrupellosen Zeit und der nostalgischen VerklĂ€rung der Dime Novel. Am leichtesten lĂ€sst es sich in der Person Texas Jack erkennen, der zu Zeit Wild Bills ein berĂŒchtigter Revolvermann gewesen ist, der selbst den berĂŒhmteren Mann brĂŒskiert hat. Jetzt ist er ein aufgequollener Alkoholiker, der lebenslang umsonst in einer Kneipe in Deadwood mit Schnaps versorgt wird, weil er dem Kneipier aus einer bedrohlichen Situation gerettet hat. Buster Fogg als subjektiver, vielleicht sogar naiver ErzĂ€hler/ Beobachter kann nicht glauben, dass dieser Texas Jack wirklich einmal derart gefĂ€hrlich gewesen ist. Das Gegenbeispiel ist Billy Bob Daniels, der immer weniger zwischen den Geschichten, welcher er seinen dummen Kunden erzĂ€hlt und der RealitĂ€t unterscheiden kann. Wenn er schließlich die Grenze zwischen einem talentierten KunstschĂŒtzen und einem Duellisten ĂŒberschreitet, zerbricht in ihm etwas. Er beginnt den Verstand zu verlieren, wofĂŒr er in jedem ernsthaften Western drakonisch bestraft wird. Keine dieser beiden “Heldenfiguren” ist sympathisch oder bewundernswert beschrieben. Es sind MĂ€nner, die von der Waffe gelebt haben, die aber nie ihre UrĂ€ngste ĂŒberwinden konnten.
Mit dem Farbigen Albert verfĂŒgt die Geschichte fast in der Tradition Stephen Kings Romanen wie “.The Green Mile” ĂŒber einen intelligenten Gegenpol. Als Farbiger hat Albert im Grunde nichts zu sagen. Er braucht Daniels als AushĂ€ngeschild. Erst als er die Uniform anzieht und sich auf die Suche nach seinem KunstschĂŒtzen macht, beeindruckt er die feigen MĂ€nner in “Deadwood”. Alberts respektloser Auftritt in der örtlichen Kneipe gehört dank der pointierten, absichtlich verletzlichen Dialoge zu einem Höhepunkt dieser Geschichte. Es ist nicht die Uniform, die aus Albert einen neuen Mann macht, der Farbige entschließt sich, in eine andere Haut zu schlĂŒpfen und den Rassismus der Weißen hinter sich zu lassen. Diese Rolle traut der Autor allerdings nicht den Indianern zu, die als hinterhĂ€ltig wie auch brutal beschrieben werden.
Buster Fogg als ErzĂ€hler ist ohne Frage die Identifikationsfigur des Lesers. Er ist jung und naiv, aber nicht dumm. Wie bei einer Zwiebel werden vor seinen Augen die verschiedenen Schalen abgetrennt, jede Legende von der Wahrheit ĂŒberholt, um sie wie in “Der Mann, der Liberty Wallace erschoss” wieder mit einer Fiktion zu ĂŒberdecken. Fogg bildet mit Albert ein zugĂ€ngliches Gespann. Am Ende wird er vielleicht ein wenig ĂŒbertrieben zum Held wider Willen.
Die Handlung selbst ist wie schon mehrfach angesprochen geradlinig erzĂ€hlt, wobei die Action bzw. Gewaltszenen unter die Haut gehen. In seinen Geschichten wird nicht in Ehren gestorben, die MĂ€nner liegen im aufgeweichten Boden Deadwoods oder werden in einer Ecke der schmierigen Kneipe gerollt. Das Blut fliesst krĂ€ftig und Lansdale scheut sich nicht, die Verletzungen akribisch, ausfĂŒhrlich mit fast sadistischer Freude zu beschreiben. Es ist kein verklĂ€rtes Bild des Wilden Westens, das der Autor zeichnet. Irgendwo zwischen den Italo Western und den SpĂ€twestern ohne Ikonen wie John Wayne lebt diese karge, herausfordernde Landschaft genauso wieder vor den Augen der Leser auf wie das entbehrungsreiche sowie vor allem sehr kurze Leben der Menschen. Trotz der BrutalitĂ€t und der fehlenden Romantik unterscheidet sich “The Magic Wagon” von Lansdales spĂ€teren Arbeiten, in dem er gleichzeitig - auch wenn es kontrĂ€r erscheint - die Ideale des Wilden Westen heraufbeschwört und teilweise auch glorifiziert. Nicht selten nutzt er dazu die “Dime Novels”, die von zahlreichen Nebenfiguren gelesen werden, wĂ€hrend die beschriebenen Charaktere in ihre letzten realen ZĂŒgen liegen. GlĂŒck und Übertreibungen ersetzen nicht selten die legendĂ€ren FĂ€higkeiten mit der Waffe. Und wenn Billy Bob Daniels vorher den unterbelichteten Helfer des Trios schikaniert und verletzt, verliert der Leser die letzte Achtung vor ihm. In der Originalfassung ĂŒberzeugt die am Ende wie eine perverse Mischung aus Frankenstein und King Kong ohne phantastische Elemente erscheinende Geschichte nicht zuletzt dank Lansdales melancholisch, respektvollen Erziehstil mit sehr gut geschriebenen, in die Zeit passenden Dialogen, kompakten mit einem Hauch ins bizarre versehenen Beschreibungen und einem GespĂŒr fĂŒr die richtige Mischung aus “RealitĂ€t” und “Fiktion”.

Joe Lansdale: "The magic Wagon"
Roman, Softcover, 155 Seiten
Bantam 1998

ISBN 9-7805-5327-3656

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::