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Abenteuer



Jack Schaefer

Shane

rezensiert von Thomas Harbach

Jack Schäfers erster, wahrscheinlich bester, auf jeden Fall allerdings berühmtester Roman „Shane“ erblickte 1949 das Licht der Welt. Das Licht der Welt erblickte die Geschichte nicht als Roman, sondern als Kurzgeschichte unter dem unromantischen Titel „Rider from Nowhere“, der sicherlich Shanes Persönlichkeit gut zusammenfasst.
Während Michael Ciminos „Heaven´s Gate“ sich im Großen dem so genannten „Johnson County War“ – den Konflikt zwischen den amerikanischen Großfarmern und überwiegend osteuropäischen Einwanderern – annahm, konzentriert sich Jack Schaefer in seiner existentiellen Geschichte auf eine gleich lautende Prämisse, extrapoliert diese allerdings in Form einer klassischen Tragödie, in welcher der Protagonist auf der einen Seiten nur heldenhaft agieren kann, wenn er auf der anderen Seite alle Versuche einstellt, dem eigenen Schicksal zu entkommen.
Im Gegensatz zu George Stevens vier Jahre später entstandener, im Grund auf die Kernkonflikte reduzierte Filmversion versucht Jack Schäfer das realistische Bild des Spätwesterns zu zeichnen, den er in dieser Form niemals kennen gelernt hat. Der größte Unterschied zwischen Film und Buch wird auf den ersten beiden Seiten erkennbar. Im Gegensatz zu Stevens unbestimmter Zeitangabe gibt der Erzähler – Bob Starrett – den Sommer 1889 vor, als ein mysteriöser Fremder die Farm von Starretts Eltern in Wyoming aufsucht. Bob Starrett ist deutlich älter als in Stevens Filmadaption, was die Versuchung, dem nur auf den ersten Blick abenteuerlichen Leben des Fremden zu folgen, natürlich sehr viel größer Macht. Während Allan Ladd überwiegend Trapperkleidung gewählt hat, beschreibt Jack Schaefer seinen Antihelden als einen schlanken Mann, ganz in schwarz gekleidet. Er stellt sich als „Call me Shane“ vor, die einzige Information, die er im ganzen Buch über sich preisgibt. Alle weitere Fakten reimt sich der ihn bewundernde Starrett aus Beobachtungen und Shanes Handlungen zusammen. Ganz bewusst reduziert seine Figur zu einer Chiffre, einen heimatlosen Herumtreiber, der verzweifelt ein zu Hause sucht. Stevens dagegen hat sehr viele Fakten eingedampft; die zeitliche Spanne, in welcher seine Geschichte spielt, deutlich komprimiert und den finalen Konflikt explosiver dargestellt, aber in Bezug auf „Shane“ erinnert Schaefers Roman eher an die indirekte Remake Clint Eastwoods „Pale Rider“ knappe dreißig Jahre später. Das sich Roman und erste Verfilmung trotzdem so gut vergleichen lassen, liegt an der Nutzung der intensiven, teilweise aufs Rudimentärste reduzierten Dialoge Schaefers, die sich erst im Gedächtnis des Lesers zu außergewöhnlich komplexen Bildern zusammensetzen.
Während „Shane“ in Stevens Verfilmung unmittelbar in den Konflikt zwischen den einfachen Farmern und den alt eingesessenen Cowboys hineingezogen wird, in dem er alleine durch seine Präsenz verhindert, das Bob Starretts Vater auf seiner Farm von Fletschers Männern provoziert wird, entwickelt sich Schaefers Roman deutlich langsamer, dafür auch intensiver.
So verdirbt Shane einem unsympathischen fahrenden Händler ein sehr gutes Geschäft mit Bob Starretts Vater, in dem er dem Farmer den wahren Preis einer für ihn wichtigen Maschine verrät und die Marge des Händlers fast auf null reduziert. Erst später wird Shane in den Konflikt mit Fletcher hineingezogen, wobei die Interessen der Cowboys und Farmer nicht so unterschiedlich sind, wie es die Verfilmung des Buches herausarbeitet. In einer nicht für das Drehbuch benutzten Dialogpassage erläutert Starrett Shane die Wurzeln des Konfliktes, die über den Horizont des Plots hinausragen. Während Fletchers Cowboys die Rinder wie seit Jahrzehnten über die scheinbar endlose Prärie jagen, zäunen die Farmer ihre Weidegründe ein und lassen sich das Vieh gezielt grasen, um mit weniger Aufwand besseres Fleisch produzieren zu können. Eine intelligente Vorgehensweise, die weniger mit Konkurrenzdenken als der Vernichtung eines überholten Standards zu tun hat. Nicht umsonst betont Starrett mehrmals, das die alte Zeit am untergehen ist. Die doppelte Ironie seiner Bemerkungen liegt in der Tatsache verborgen, das sich Starrett auf die Konflikte mit Fletchers Cowboys bezieht, während Shane zumindest impliziert das Ende seines eigenen Status als Revolvermann kommen sieht. Auf den letzten Seiten – als eine gewalttätige Konfrontation zwischen Fletscher und dem von ihm angeheuerten Revolvermann und dem Anführer der Farmer Starrett nicht mehr zu verhindern scheint – stellt der Autor dieses Bild absichtlich auf den Kopf, da für die neue Zeit Amerikas ausgerechnet ein gefürchtetes Symbol der alten Zeit – der Revolvermann – sich in Gefahr begeben muss.
Aus Dankbarkeit für das gute Essen macht sich Shane in Schaefers Roman erst am nächsten Tag an den alten Baumstumpf, der bislang Starretts Attacken mit der Axt widerstanden hat. Im Film geschieht das in der gleichen Nacht, bevor sich Shane sein Quartier verdient hat. Auch wenn dieser Unterschied marginal ist, drückt Jack Schaefers Roman die Freiwilligkeit, die Bereitschaft Shane besser aus, sein altes Leben zumindest zeitwillig zurückzulassen. Während Shane in Stevens Verfilmung durch das Spielzeuggewehr Bobs schon frühzeitig zu einer instinktiven, ihn später beschämenden Reaktion gezwungen wird, die insbesondere für das Publikum jeglichen Zweifel beseitigt, das es hier mit einem Revolvermann zu tun hat, bleibt Shane im Roman über weite Strecken ein Schatten des Gunman, der in zahlreichen Westen besungen/beschrieben/gefürchtet worden ist. Diese Ambivalenz hinsichtlich seines Charakters – ein aufmerksamer Beobachter, ein stoischer Schweiger, ein kräftiger Arbeiter – erhöht insbesondere hinsichtlich der zweiten Plothälfte die Spannung.
Jack Schaefer definiert seine Geschichte über wechselseitige Sym- bzw. Antipathien. Obwohl immer wieder die Freundschaft vom jungen, sicherlich leicht zu beeindruckenden Bob Starrett – der die Revolvermänner des Westens wie Ikonen heroisiert, ohne einen Augenblick über diese blauäugige Perspektive hinaus der Realität ins Auge zu blicken – zu schweigsamen, allgegenwärtigen und doch kaum wirklich zu erfassenden Shane als wichtigstes Element betont wird, ist es nur eine, nicht existentiell relevante Facette dieser vielschichtigen Geschichte. Bob Starrett dient dazu, fast achtzig Jahre nach der Handlung und den Schrecken des Zweiten Weltkriegs die Faszination des Wilden Westen, der Frontiermentalität auf eine kindliche, aber nicht kindische Art und Weise wieder zu beleben. Stevens zieht in seiner Verfilmung den Zuschauer noch weiter in diese Mischung aus realistischen historischen Fakten und einer gänzlichen Mystifizierung/ Heroisierung von – ehrlich gesprochen – Raufbolden und professionellen „Mördern“ hinein. Ein deutlich jüngerer Bob Starrett erzählt eine Geschichte, die gestern; von einem Monat oder einem Leben geschehen sein könnte. Wenn Shane am Ende des Films – wahrscheinlich angeschossen ohne blutend gezeigt zu werden – hinter dem kleinen Friedhof des Stadt wie im Nichts verschwindet, regen sich im Publikum Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Geschichte. Vielleicht ist Shane wirklich nur eine idealisierte Wunschgestalt – in Clint Eastwoods „Pale Rider“ gehen die Drehbuchautoren den notwendigen Schritt weiter, in dem sie die von christlichen Symbolen durchdrungene Geschichte mit dem verzweifelten Gebet eines jungen Mädchens nach einem Retter einläuten lassen – eines kleinen Jungen, der angesichts von Fletchers aggressiven Cowboys und seiner Vertreiberpolitik auf ein gutes Ende hofft, das die Kräfte seines Vaters übersteigt. Während im Verhältnis zwischen Bob und Shane alle Komponenten von Bewunderung, Erziehung – sowohl in Bezug auf die zweifelnde Faszination von Waffen als auch hinsichtlich der Verantwortung für die eigenen Taten – bis letzt endlich klassische Schutzfunktion durchgespielt werden, begegnen sich Bobs Vater und Shane sehr viel eher auf Augenhöhe, obwohl ihre Hintergründe nicht unterschiedlicher sein könnten.
Joe Starrett - Bobs Vater - ist als Persönlichkeit in Schaefers Roman sehr viel besser gezeichnet als in den Stevens cineastischer Adaption. Er ist eine anerkannte Persönlichkeit in der sehr stark wachsenden Gemeinde von Farmern. Er gilt zwar nicht als „Held“, aber als wortreicher, dynamischer Anführer. Obwohl Schaefer der Versuchung unterliegt, Shane zu stark zu heroisieren - auch hier wieder eine Frage der Perspektive - lässt der Autor Joe Starrett deutlich ambivalenter, dreidimensionaler als im Film erscheinen. Es gibt keine Eifersüchteleien zwischen den beiden Männern, die sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten akzeptieren, tolerieren und schließlich mehrfach vom Ausgraben des Baumstumpfes bis zur Auseinandersetzung mit Fletcher und seinem angeheuerten Revolvermann helfen. Vielleicht erscheint Shane als williger unbezahlter Arbeiter auf der Farm insbesondere im Vergleich zum erfahrenen Starrett zu stark überzeichnet und die zwischen den Zeilen anklingende Bewunderung zu eindimensional. Starrett akzeptiert Shanes grenzenlose Freiheit; die Möglichkeit, dahin zu reisen, wohin ihn sein Pferd zu tragen scheint. Für Shane stellt eine Familie insbesondere in Kombination mit einem Heim ein erstrebenswertes, aber für ihn unerreichbares Ziel dar. Starrett ist der einzige erwachsene männliche Charakter, der in Shane zuerst einen Mann und dann ein Symbol seines Standes sieht. Er ist der festen Überzeugung, das Shane irgendwann von seinem Weg abgewichen ist, aber in seinem Herzen ein aufrichtiger, im Grunde „alter“ Westerner ist. Schaefer gelingt es ausgezeichnet für den Leser herauszuarbeiten, das sie im Grunde die gleichen Wertvorstellungen haben, von denen der eine - Startet - sie leben kann, der Andere - Shane - von ihnen nur träumen kann.

Der größte Unterschied hinsichtlich der fragilen Familienstruktur der Starretts ist sicherlich Marian Starrett. Sie empfindet für den Fremden innige Freundschaft, vielleicht sogar so etwas wie mütterliche Liebe. Im Familienverbund ist sie deutlich emotional aufgehobener als in Stevens Filmversion, der zumindest eine platonische „Liebesbeziehung“ zwischen Shane und Marien suggeriert. Während im Film Joe Starrett auch gegen seine Frau kämpfen muss, um die kleine Hütte zu verteidigen - sie wirft ihm vor, für nichts sterben zu wollen - ist ein Jack Schaefers Roman Marian, die am Ende in einer Art Epilog ihren Mann daran erinnert, dass der Verlust Shanes - der Roman impliziert deutlicher als die Verfilmung, das Shane wahrscheinlich schwer verwundet worden ist - nicht das Ende ihrer Träume, sondern das Fundament ihrer gemeinsamen Zukunft bedeutet.

Während Stark Wilson - Fletchers Auftragskiller - im Roman bis auf die förmliche Hinrichtung des überforderten Farmers Wrights - eine Chiffre bleibt, der im Vergleich zum wieder in einen Menschen verwandelten Shane eine Killermaschine ist und bleibt, taucht der eigentliche Antagonist Fletcher zum Leidwesen der Romanbalance so gut wie gar nicht auf. Während Fletcher ins Stevens Verfilmung aus einem Saloon heraus regiert und Regierungsaufträge für seine Rinder erhalten hat, widersetzt er sich in der Romanfassung der neuen Zeit und führt ein Schattendasein. Da die Figur zu wenig herausgearbeitet worden ist, fehlen wichtige Impulse im besonders relevanten Mittelteil.

Obwohl stilistisch nicht immer einheitlich und stellenweise zu überambitioniert, gelingt es Jack Schaefer, den Plot im Schlussabschnitt nicht nur durch den Schusswechsel -selten hat ein Western länger benötigt, um die Fronten zu klären und den fatalistischen Helden wieder ins Rampenlicht zu rücken - , sondern vor allem durch Shanes insbesondere im englischen Original elementare wie melancholische Bemerkung - „A Man is what he is, Bob, and teere´s no breaking the mold. I´ve tried that and I´ve lost.“ - im wahrsten Sinne des Wortes einzufangen. Im Gegensatz zu anderen klassischen Westernromanen wie „The Virginian“ stellt sich für Shane nicht die Frage, ob er die Waffen abgeben und als friedlicher inzwischen durch die Konfrontation mit Fletcher sowie viel wichtiger seiner harten Arbeit auf der Farm anerkannt weiter in dem kleinen Ort leben soll oder logischerweise als Revolvermann ohne Heimat weiterziehen muss. Ohne es direkt zu schreiben, wirkt Shane nach dem ihm gegenüber unfairen Duell wie ein Alkoholiker, welcher der Droge wieder Eintritt in seine Seele gegeben hat. Dieser melancholische Fatalismus wird insbesondere die ersten Sam Peckinpah Kinofilme wie „Sacramento“ durchziehen. Zumindest hat Shane wie Peckinpahs Antihelden sein „Haus geordnet“, bevor er wahrscheinlich irgendwo alleine und abgeschieden sterben wird. In diesem Punkt lässt sich der Bogen direkt zu Romanen (oder Filmen) wie „The Shootist“ schlagen, wobei Shane im Gegensatz zum von John Wayne überragend verkörperten todkranken Revolvermann noch im besten unbestimmten Alter ist.
Vergangenheit und Zukunft begegnen sich in Shane. Bob Starrett wird irgendwann erkennen, das das maus jugendlicher Unbekümmertheit so in den Himmel gehobene gewalttätige
Fundament der Vergangenheit - egal wie blutig es gegossen worden ist - die Basis ist, auf der zumindest für eine Handvoll Menschen eine solide Zukunft entstehen kann. An diesem Punkt schlägt Jack Schaefer den Bogen zu den Vereinigten Staaten, einer zumindest in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts noch großen Nation, die aus Blut und Eisen sich die Freiheit erkämpft hat und deren Legenden sich in überdimensionalen Helden wie Shane manifestieren, die einsam und abseits der Zivilisation ein Leben voller Gewalt und Tragik geführt haben. Schaefer weist den Weg in eine neue, andere, bessere Zukunft, in dem er einen Jungen die Möglichkeit gibt, sich seinen Träumen wie Ängsten zu gleich zu stellen.

Jack Schaefer: "Shane "
Roman, Softcover, 160 Seiten
Laurel Leaf 1949

ISBN 9-7805-5327-1102

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