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Abenteuer



Heinz Grill

Die Schatten des Sha-In- Sha

rezensiert von Thomas Harbach

Christoph F. Lorenz zieht in seinem Nachwort zu diesem Alternativroman basierend auf Mays Vorlagen einen nicht unbedingt richtigen Vergleich zu einer Reihe von Autoren, die neben ihrem populären Stammgenre auch in anderen Bereich ihre literarischen Meriten verdient haben. Im Fall Karl May ist es – wie auch der Autor bekennt – ganz anders. Bis zu seiner großen Orientreise in den Jahren 1899/ 1900 eher ein klassischer Abenteuerschriftsteller mit dem Hauch zur Belehrung wollte May nur noch symbolisch- gleichnishaft schreiben. Diese von May Kund getane Änderung seiner Intention hat nicht nur Fans, sondern vor allem Kritiker überrascht, verärgert und diese in eine deduzierende Enge gedrängt. In Mays Schaffen lässt sich dieser Bruch nicht nur zwischen zwei Werken, sondern wahrlich zwischen zwei Kapiteln feststellen. Während „Im Reich des silbernen Löwen“ Band 1 und 2 – Band 26 und 27 der gesammelten Erzählungen - noch klassische Abenteuerstoffe sind, ist das erste Kapitel des dritten Buches das letzte bekannte „alte“ Werk Mays, in den folgenden Abschnitten und dem vierten Band dringt er in literarische Sphären vor, die näher seinen verschlüsselten autobiographischen Exkursen und Gleichnissen sind als einem eigentlichen Roman. Viele Kritiker bezogen diese Änderung in seinem Schreibstil und vor allem seinem Inhalt auf die zahlreichen Anfeindungen der Kritiker und Öffentlichkeit Mays Vergangenheit gegenüber. Dieser Schutzmantel mit der immer wieder kehrenden Botschaft, dass auch ein ehemaliger Schurke ein Leben nach dem Absitzen seiner Gefängnisstrafe haben darf, kumuliert schließlich in dem an Symbolen überlaufenden „Ardistan und Dschinnistan“. Und doch kehrt May insbesondere in dieser inzwischen nach dem Originalmanuskript wieder aufgelegten letzten Reise an seinen Anfang zurück. Mays Helden werden insbesondere in der ersten Hälfte des Buches ob ihrer geistigen und körperlichen Fähigkeiten geprüft und für würdig gehalten, den nächsten Schritt zu machen. Wie bei vielen anderen populären Autoren hat May eine Reihe von Epigonen oder Plagiatoren in seinem Kielwasser gefunden. Und zwei May Kenner, die den Wechsel von der klassischen Abenteuerliteratur zu den esoterischen Texten nicht akzeptieren wollten oder konnten. Der eine Otto Eicke legte nicht nur verschiedene Artikel im Tenor „Bruch im Bau“ über Mays Schaffen vor, er verfasste 1933 eine alternative Fortsetzung zu den ersten beiden Bänden des Vierteilers „Im Reich des silbernen Löwen“ und ignorierte Mays Schaffen komplett. Diese Erzählung wurde von einigen Verlagsautoren umgeschrieben und bearbeitet, hat aber nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Heinz Grills „Die Schatten des Shan-In- Shan“ ist eine zweite Alternativfassung, wieder basierend auf den ersten beiden Bänden. Nach mehr als fünfzig Jahren hat sich der Karl May Verlag entschlossen, diesen Band in der Gestaltung der May Bände zu veröffentlichen. Grill galt zu Lebzeiten als ausgesprochener Maykenner und hat schon in jungen Jahren eine Reihe von Aufsätzen über seinen Lieblingsschriftsteller verfasst. Diese erschienen durch die Einstellung der Karl May Bücher 1933 nicht mehr, der Verlag folgte aber diesen fundierten sekundärliterarischen Texten mehr als einmal in diversen Neuauflagen der besprochenen Bücher. Nach dem Krieg verfasste Grill im Alleingang in mehreren Etappen seine alternative Fortsetzung. Bevor diese das Licht der literarischen Bühne erblicken konnte, veröffentlichte er unter dem Pseudonym Hans Steinburg noch eine Abenteuergeschichte in der Tradition Karl Mays „Der Wüstenreiter“. 1951 wurde Grill allerdings in einen Skandal im Wiener Staatsarchiv verwickelt und musste seine Beamtenlaufbahn beenden. Dadurch verliert sich auch die Spur zum Karl May Verlag, das geplante Vorhaben, den Text im Rahmen der gesammelten Reiseerzählungen zu veröffentlichen, scheiterte. Grill selbst verfasste zwar bis zu seinem Tod noch eine Handvoll von historischen Biographien und Romanen, aber keine klassischen Abenteuertexte mehr. Nach mehr als fünfzig Jahren hat sich der Verlag entschlossen, diese Fassung behutsam bearbeitet, eine wenig gekürzt und in Bezug auf die zu belehrenden Passagen geglättet zu veröffentlichen. Unabhängig vom Erfolg dieser Veröffentlichung denkt der Verlag über einen weiteren Band mit Eickes alternativer Fassung „Die Verschwörung der Schatten“ nach. Zu wünschen wäre es alleine aufgrund der Tatsache, eine weitere Vergleichsmöglichkeit zwischen Mays niedergeschriebener Intention und seiner Außenwirkung auf seine Fans und Kritiker zu besitzen. Dabei geht es weder Eicke noch Grill darum, May zu belehren oder gar zu verbessern, beide Autoren suchen aufgrund der vorhandenen Ausgangsbasis eine strukturierte, überzeugende und vor allem unterhaltsame Ergänzung zum bestehenden Werk des großen deutschen Dichters. Sie spielen mit Mays Motiven und im Falle Grills mit dessen Gesamtwerk. So finden sich absichtlich sehr viele Bezüge zum ersten großen Orientzyklus – es überrascht auch nicht, dass in diesem Mays Helden ebenfalls über sechs Bände und von „Durch die Wüste“ bis zum „Schut“ es mit einer Verbrecherorganisation zu tun haben, dessen Kopf sie schließlich symbolisch abschlagen können – zumindest in der ersten Hälfte des vorliegenden Manuskriptes. Mit dieser Anbindung an den populären originären Stoff überspielt Grill insbesondere zu Beginn seines Romans die Unsicherheit, nicht nur Mays einzigartig verspielten Stil imitieren zu müssen und den oft ein wenig schmalzigen Dialogen Gehalt zu geben, sondern vor allem eine interessante Handlung präsentieren zu müssen und zu können, die sich nicht sonderlich von den zumindest zu dieser Zeit inhaltlich auch begrenzten Abenteuerstoffen abhebt.
Die Verweise auf Mays Amerika- Erzählungen und diverse Begegnungen zwischen den Charakteren auf zwei Kontinenten hat Heinz Grill von May übernommen, es gelingt ihm aber nicht, über die Facetten hinaus diese Episoden mit eigenständigem Leben zu erfüllen und bei manchen Passagen fällt er in Mays eher schwerfällige, künstlich um eine heile Welt vor den Toren des Bösen bemühte Gemeinschaft von Helden oft wider Willen zurück.
Trotzdem gelingt ihm in der Exposition einer vorgegebenen Idee – Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef stossen auf den Bund der Sillan – eine insbesondere in politischer Hinsicht interessante Studie Persiens Mitte des 19. Jahrhunderts. Die klassischen May Motive – Bestechlichkeit, Habgier, Amtsanmaßung - sind alle vorhanden, Heinz Grill extrapoliert sie aber in bestechender Detailliertheit. Wie kaum im Original zu finden, zitiert Grill eine Reihe von zeitgenössischen Reiseberichten – und integriert diese nicht in die vorgegebene Handlung. Er baut im Laufe der ansonsten sehr geradlinigen, manchmal in der Tradition Mays zu Beginn schwerfälligen und am Ende überstürzten Handlung ein Netzwerk aus interessanten, politischen Hintergrundinformationen und eine gute Übersicht der persischen Geschichte inklusiv diverser Geschichten auf. Diese fast nebensächlich eingestreuten Informationen – eine Reihe von sprachlichen Hinweisen wurde für diese Erstauflage gekürzt – beleben die Handlung, ohne belehrend zu wirken oder gar die einzelnen Handlungsabschnitte über Gebühr zu strecken. Da die Verbrecherorganisation eng mit den korrupten Behörden zusammenarbeitet und nicht selten die ärmlichen örtlichen Behördenvertreter bezahlen, kommt es zu einer Reihe von Festnahmen und Schauprozessen. Im Gegensatz zu den manchmal ins Arrogante abgleitenden Dialogen Mays, wirken hier die Figuren bodenständiger, politisch besonnener und vor allem ihrer gefährlichen Lage mehr als einmal bewusst. Zwar kann sich Kara Ben Nemsi immer wieder aus den Verstrickungen der Verbrecherorganisation befreien und getreu dem May´schen Werk, im Laufe des Suchens näher zum Paradies oder in diesem Fall näher zum Herzen der Organisation vorzudringen, die Struktur wirkt stringenter und vor allem in Bezug auf die Beschreibungen farbenprächtiger und überzeugender. Wäre es jetzt ein Frevel, die Fortsetzung von „Im Reich des silbernen Löwen“ als gute Abenteuerliteratur im Sinne Mays anzupreisen? Wahrscheinlich nicht, denn Grill selbst distanziert sich und seine eigenen Ideen in einem Aufsatz von Mays Spätwerk, das er als Ausdruck eines selbst zweifelnden Künstlers auf der Suche nach einer neuen Stimme sieht. Und insbesondere der stetige Versuch Mays, sein eigenes Leben nicht als Alter Ego seiner Helden, aber zumindest als Schatten dieser einzigartigen Figuren zu präsentieren, fehlt im positiven Sinne in Grills Buch. Er hat mehr Freiheiten in Bezug auf die einzelnen Charakterisierungen, auch wenn er natürlich bei den Hauptprotagonisten durch Mays umfangreiches Werk eingeschränkt ist. Aber insbesondere die Nebenfiguren wirken überraschend vielschichtig und agieren als eigenständige Personen und nicht als Stichwortgeber oder unterwürfige Diener oder arrogante Schurken per se.

Im Gegensatz zu Mays Hang zur Übertreibung, wirken viele Passagen, in denen Kara Ben Nemsi aus seinem Leben als Schriftsteller und Reisender erzählt, nüchtern, fast distanziert. Als wolle der Autor auf keinen Fall den Eindruck hinterlassen, es gäbe eine Ähnlichkeit zwischen Dichter und Schöpfung. Grill ist weniger ein Kind des Gefühls oder der Seele – so bezeichnet er May in seinem Aufsatz -, sondern ein sachkundiger Archivar, der seine Freude aus dem Verschieben der Versatzstücke erlangt. Diese Freunde und vor allem seine stetige Ambition, den Leser informierend zu unterhalten, kann über weite Strecken dem vorliegenden Text entnommen werden. An einigen Stellen – insbesondere bei den wenigen, aber obligatorischen Actionszenen – erkennt ein aufmerksamer Leser Grills beschränkte literarische Fähigkeiten, an anderen Stellen wie den farbenprächtigen Beschreibungen der Kultur und vor allem des Landes – auch wenn er sich an manchen Stellen auf fremde Quellen stützt, diese zitiert und damit die Struktur einer klassischen Abenteuergeschichte ad absurdum führt – ergreift den Leser eine gewisse Portion Fernweh und vor allem hat er zumindest für kurze Zeit den Eindruck, einen längst vergessenen Autoren erweckt zu sehen. Heinz Grills nicht fehlerfreier, aber überraschend lesenswerter und vor allem fließender Roman „Die Schatten des Schah-in- Schah“ ist eine längst überfällige Neuveröffentlichung und vor allem eine ideale Ergänzung zu Karl Mays nicht zuletzt wegen der Orientreise zu einem abschließend exzentrischen, aber lesenswerten Erlebnisbericht gewordenen „Reich des silbernen Löwen“.

Heinz Grill: "Die Schatten des Sha-In- Sha"
Roman, Hardcover, 515 Seiten
Karl May Verlag 2006

ISBN 3-7802-0176-3

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