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Abenteuer



Marie Versini

Ich war Winnetous Schwester

rezensiert von Thomas Harbach

Wie sowohl Michael Petzel in seinem mit einem leicht ironischen, aber niemals dem Publikum der Karl May- Filme gegenüber verletzenden Ton als auch von Franz Josef Gottlieb geschriebenen Einleitungen betont wird, sind es oft der Zufall, der richtige Augenblick und die gesellschaftliche Struktur, die mit einer einzigen Rolle zumindest für eine gewisse Zeit einen „Star“ machen. Marie Versini, die dickköpfige Korsin, hat mit der Darstellung – Erscheinung träfe den Sachverhalt besser – als Winnetous Schwester Nscho-tschi dieses Glück gehabt. Im vorliegenden Band „Ich war Winnetous Schwester“ präsentiert sie aber keine klassische Biographie ihres Lebens, sondern sie beleuchtet fragmentarisch Höhepunkte und Tiefschläge ihres Privatlebens und ihrer Karriere. Einige wichtige Augenblick werden zusätzlich aus der Perspektive ihres Mannes beschrieben. Dieses Wechselspiel zwischen der impulsiven, lebenslustigen, aber auch an sich selbst zweifelnden Marie Versini und ihrem selbstbewussten, ruhigen damaligen Lebenspartner Pierre Viallet funktioniert überraschend gut. Seine Passagen enthalten nicht unbedingt neue Informationen, sie relativieren aber einige der sehr persönlichen Abschnitte. Auch wenn sie Marie Versini bemüht, ihr Leben chronologisch zusammenzufassen, springt sie doch an einigen Stellen munter zwischen ihrer Kindheit – auf die sie immer wieder zurückkommt -, ihren Filmen, einer direkten Ansprache an den Leser mit warmen Dankesworten für die Unterstützung ihrer Karriere und Hinweisen auf kommende Ereignisse hin und her. Weiterhin fehlen wichtige historische Hinweise. Es ist eine persönliche Geschichte, keine Monographie und schon gar nicht eine Biographie. Oft wäre es sinnvoller gewesen, wenigstens in Fußnoten etwas mehr über die einzelnen Schauspielkollegen zu erfahren. Viele Namen sagen vor allem dem durchschnittlichen Leser kaum noch etwas, wer sich mit der französischen Theaterlandschaft nicht auskennt oder unwillig ist, die Namen zu recherchieren, wird an einigen Stellen die Komplexität der Vorgänge - nur aus der Perspektive des schwärmenden Mädchens erzählt - unvollständig finden. Akzeptiert er hingegen, dass es sich um den Versuch handelt, ein abwechselungsreiches, manchmal aufregendes Leben einer jungen Schauspielerin in eigene
Worte zu fassen und vor allem die aufbrechenden sozialen Strukturen des bürgerlichen Mittelstandes in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts aus der liebevoll verzerrten Perspektive des heimlichen Rebellen zu verfolgen, wird er einige sehr angenehme Stunden mit der offenen, ehrlichen Maria Versini verbringen können.

Ihre Lebensgeschichte beginnt mit ihrem siebenten Geburtstag. Ihr Vater – ein korsischer Intellektueller – hat bei seinen Besuchen in Deutschland Karl May kennengelernt. Und die kleine Marie wollte an ihrem Geburtstag mit ihrem Bruder und einem Vetter nichts sehnlicher machen, als Winnetous Schwester zu spielen. Humorvoll, aus der Distanz eines Lebens mit der notwendigen Ironie ausgestattet erzählt sie mit warmen Worten von dieser ersten echten Rolle in ihrem Leben. Der Ton ist ein wenig ungläubig, wenn sie sich jetzt vorstellt, dass knappe fünfzehn Jahre später in einem echten Kostüm, in einem echten Indianerzelt mit einem echten Bärenfell – soweit man im Film von echt überhaupt sprechen kann – sich ihr Traum erfüllen wird. Um diesen stimmungsvollen Anfang fortzuschreiben, berichtet sie dann von den Dreharbeiten zu „Winnetou I“. Ihrem Verhältnis zu den anderen beiden Hauptdarstellern Lex Barker und Pierre Brice. Das sie ausgerechnet mit der Sterbeszene ihrer Figur anfangen muss, hat sie innerlich empört. Immerhin musste sie „sterben“, bevor ihr Charakter überhaupt einen Moment richtig gelebt hat. Sie beschreibt, wie sehr ihre Sterbeszene Lex Barker an den Selbstmord seiner Frau ein Jahr früher erinnert hat. Es sind diese persönlichen Erinnerungen, die aus dem Text hervorstehen. Unemotional, eher bescheiden und doch mit viel Wärme schreibt Marie Verini über diese Momente und gibt den überdimensionalen Leinwandikonen eine greifbare Tiefe. Die anstrengenden Dreharbeiten stellen – wahrscheinlich durch die Aufregung der ersten Dreharbeiten weit weg von zu Hause und ohne mütterlichen Schutz – für sie ein atemberaubendes Abenteuer mit einer Traumrolle dar. Vor allem die kleinen Begegnungen, das Zusammenhalten des Teams und natürlich die Erfüllung ihres Kleinmädchentraums prägen diese Passage.

Anschließend schlägt sie den Bogen weit zurück zu ihrer Schulzeit und zu den Anfängen als Schauspielerin. Immer wieder behält den Widerspruch zwischen ihrer Außenwirkung – eine hübsche, intelligente und selbstbewusste junge Frau – und ihren inneren Zweifeln im Auge, die schließlich nicht zuletzt aufgrund einer unglücklichen Beziehung in einem versuchten Selbstmord gipfeln. Auch wenn sie den richtigen Namen ihres langjährigen Liebhabers, verachteten Freundes und potentiellen Mannes nicht nennen will, reizt dieser Widerspruch den Leser zur Analyse. Marie Verini spricht ihr Verhältnis zu diesem Mann niemals deutlich aus, sie scheint mit ihm zusammengelebt zu haben, dann wieder betont sie ihre Unabhängigkeit und ihren Wunsch, dem Richtigen zu begegnen. Dazwischen rafft sie fast im Schnelldurchlauf ihre diversen Rollen zusammen. Sie geht auf die katastrophalen Dreharbeiten mit Erroll Flynns Sohn in Indien ein, erwähnt aber den Namen des sadistischen italienischen Regisseurs – Umberto Lenzi – mit keinem Wort. Bei manchen der hier erwähnten Filme hätte sich der Leser mehr Hintergrundinformation gewünscht. So fehlt im Gegensatz zur Rolle als Winnetous Schwester ihre Motivation, diesen Part zu übernehmen. Bei ihrer berühmtesten Rolle hat sie sich über Jahre gewünscht, Winnetous Schwester zu sein und die Marie Verini in Paris zurückgelassen. Sie beklagt sich zwar, insbesondere zu Beginn ihrer Karriere zu viele Rollen auf einmal spielen zu müssen, aber auch spielen zu wollen, es fehlt aber in diesem sehr persönlichen Bericht die kritische Reflektion. Während sie insbesondere ihre berufliche Zeit distanziert, kritisch zusammenfasst, geht sie erstaunlich offen auf ihr Seelenleben ein. Zerrissen zwischen den idealisierten Lieben zu einigen eindrucksvollen Schauspielerkollegen und ihrer Realität. Sie macht nicht den Fehler mancher Persönlichkeiten, aus der Distanz der Lebensjahre ihre Jugendsünden zu verheimlichen oder zu kritisieren, sie erzählt die Ereignisse, wie sie sich scheinbar abgespielt haben. Durch die fragmentarische Struktur – die nicht selten an eine Art dreidimensionales Tagebuch erinnert – kann sie sich eher auf Höhepunkte und Tiefschläge konzentrieren und die einzelnen Szenen werden nicht unnötig ausgewalzt. Auf die Dreharbeiten zu den Karl May Filmen geht sie besonders ausführlich ein. Der Unterschied zwischen ihrer zweiten Rolle in den Verfilmungen – in Robert Siodmaks „Der Schut“ – und ihrem Debüt könnte nicht größer sein. Insbesondere da der Routinier Siodmak die einzelnen Rollen mehr über eine körperliche Präsenz und eine Reihe von Actionszenen zu definieren suchte. Obwohl ihr diese Vorgehensweise nicht gefallen hat, zollt sie ihrem Regisseur Respekt. Das Gegenteil ist bei den letzten beiden bzw. drei Karl May Verfilmungen der Fall. Während sie unter anderem in „im Reich des silbernen Löwen“ die Hektik kritisiert, unter der insbesondere aufgrund von Lex Barkers Verträgen seine Szenen in einem atemberaubenden Tempo gedreht werden mussten, konnte sie sich in mit dem Prequel „Old Firehand“ überhaupt nicht mehr identifizieren. Für Marie Versini spricht, dass sie sehr wohl zwischen den Mitwirkenden und den Filmen unterscheiden kann. Ganz bewusst erzählt sie mit teilweise überraschender ironischer Schärfe von den Dreharbeiten auf der einen Seite, hebt ihr gutes Verhältnis zu Lex Barker und Pierre Brice auf der anderen Seite heraus. Mit dem Ende der Karl May Verfilmungen zieht sie ein kleines Zwischenfazit. Was enttäuschend für den Leser ist der Versuch, aus einer Biographie jetzt mehr eine romanhafte Geschichte zu machen. Auch erwähnt sie, dass neben der Rolle als Winnetous Schwester für sie der Charakter der Clara Schumann eine Idealfigur und als Schauspielerin die größte Herausforderung gewesen ist. Über ihre Rolle selbst schreibt sie noch nicht einmal eine Halbe Seite und bleibt nach anfänglicher, überschwänglicher Begeisterung seltsam distanziert. Hier wäre es schön gewesen, wenn sie intensiver und vor allem ausführlicher auf diesen gänzlich anderen Frauentypus eingegangen wäre. In den folgenden Absätzen geht sie auf die Dreharbeiten zu verschiedenen Filmen ein. Das Spektrum reicht von einer populären, aber aus ihrer Sicht nicht unbedingt gelungenen Konsalik- Verfilmung über Agentenfilme bis zu dem tragischen Unfall auf einem Set in Spanien, bei dem drei Kollegen ums Leben kommen. Mit dieser Szene beginnt im Grunde das große Abschiednehmen. Sie berichtet vom Tod Lex Barkers und spannt den Bogen zu ihrem ersten gemeinsamen Film. Sie rekapituliert die Augenblicke und versucht, im Angesicht seines tragischen Todes, abgebrannt in New York zu erkennen, was aus ihrer Sicht bei diesem sympathischen, zurückhaltenden Superstar der sechziger Jahre – im Gegensatz zu Pierre Brice und ihr ist Lex Barker allerdings nicht mit deutschen Schauspielpreisen überhäuft worden – aus der Bahn geraten ist. Spätestens mit diesen für ihren Charakter schwermütigen Passagen beginnt ihr Rückzug aus der oberflächlichen Glitzerwelt des Films. Mit ihrem deutlich älteren Mann bewohnt sie ein kleines, aber feines Haus auf einer abgeschiedenen Insel. Anstelle der Schauspielerei möchte sie als Autorin kreativ sein und nach einigen Fingerübungen ist diese romanisierte Biographie der erste längere Versuch. Sie bricht die Sachlichkeit und des Distanz des Textes an einigen Stellen durch kindlichen, aber nicht kindischen Humor auf, in dem sie sich selbst wieder in die Rolle von Winnetous Schwester versetzt, die dieses ihren größten Wünsch sich erfüllt: die Schule des Weißen Mannes zu besuchen und schreiben zu lernen. Schreiben in diesem Fall im Zusammenhang mit Literatur. Die Fotos dieses Lebensabschnitts zeigen einen zufriedenen Menschen, der mit sich selbst ins Reine gekommen ist, mit Stolz ohne Arroganz in die Vergangenheit schauen kann und sich trotzdem auf die Zukunft freut. Vielleicht hätte sich mancher Leser mehr sachliche Informationen über die einzelnen, durchaus auch heute noch bekannten Filme gewünscht, aber Marie Versini ist ihrer Impulsivität ein Mensch, der über ihre Erfahrungen und nicht die technischen Feinheiten beim Dreh berichtet und darüber auch berichten möchte. Für sie ist es mehr als eine distanzierte Biographie, stellenweise erweckt sie ihre Vergangenheit überraschend plastisch zu neuem Leben. Sie hat auch in der deutschen Übersetzung einen angenehmen Stil, bemüht sich pointiert zu schreiben und nutzt vor allem Dialoge, um schwierige Passagen nicht zuletzt aufgrund der Hilfe ihres Mannes, dem aus ihrer Sicht versierten Schriftsteller, aus verschiedenen Perspektiven darzustellen und nicht immer Ich- Bezogen zu sein. Dabei steht sie auch für ihren Mann immer im Mittelpunkt seines Lebens. Unabhängig vom Text sind die unzähligen Bilder eine gesonderte Empfehlung wert. Die Mischung aus privaten Aufnahmen, Hintergrundbildern von den Dreharbeiten und sehr schönen Farbfotos von den Filmszenen – oft aus seltenen Perspektiven – unterstreichen die guten Eindrücke des geschriebenen Wortes. Nicht immer steht Marie Verini im Mittelpunkt der Aufnahmen, auch wenn sexistisch gesprochen ihre bekleideten Badeszenen mit Pierre Brice, Lex Barker und anderen schönen Männern sicherlich zu den auffälligsten Fotos gehören. Der Titel „Ich war Winnetous Schwester“ – so passend er auch ist – wird in erster Linie unnötigerweise Karl May ansprechen, dabei ist der Text ein interessanter Augenzeugenbericht in erster Linie über den europäischen Film der sechziger Jahre. Marie Verini hat für unterschiedliche Regisseure, mit sehr verschiedenen Stars und vor allem in fast allen Genres gearbeitet. Diese einzelnen Erlebnisse verbindet sie mit sehr viel Wärme und ausreichend persönlichen Anekdoten zu einer kurzweilig zu lesenden Monographie eines korsischen Dickkopfes mit dem rechten Fleck auf dem Herzen.

Marie Versini: "Ich war Winnetous Schwester"
Sachbuch, Hardcover, 319 Seiten
Karl May Verlag 2003

ISBN 3-7802-0164-X

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