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Abenteuer



Dan Simmons

Terror

rezensiert von Thomas Harbach

Das sich Dan Simmons nicht in einem Genre alleine wohl fühlt, sondern scheinbar mühelos zwischen den einzelnen Subgenres hin und her springen kann, hat er in seiner zwanzig jährigen Laufbahn mehr als einmal unterstrichen. Nach seinen Horror und Science Fiction Romanen überraschte der Amerikaner mit einer historisch amüsanten, aber spannenden Abenteuergroteske – „The Crook Factory“. Es folgten drei sehr harte Krimis. Dann kehrte er im wahrsten Sinne des Wortes mit einer futuristischen „Space Odyssey“ in zwei voluminösen Bänden zur Science Fiction zurück. Seine letzten Ausflüge ins Stephen King Land zeigten seine erzählerischen Stärken und seine teilweise doch spürbaren plottechnischen Schwächen. Und jetzt liegt mit einem atemberaubenden Titelbild von Friedrich Wilhelm Maler sein erster historisches Roman „The Terror“ – nach einem der beiden Schiffe der Franklin Expedition“ benannt – vor. Auf fast eintausend Seiten beschreibt er den aussichtslosen Überlebenskampf von einhundertneunundzwanzig Männern. Ihr Schicksal ist immer noch nicht gänzlich aufgeklärt, auch wenn es ungezählte Nachschlagwerke und sekundärliterarische Arbeiten gibt. Einen Teil dieser Quellen listet Dan Simmons in seinem kargen und distanzierten Nachwort auf. Warum er sich ausgerechnet diesem historisch Stoff angenommen hat, bleibt sein Geheimnis. Im Gegensatz zu den eher sekundärliterarischen Reisefiktionen beginnt Dan Simmons nicht mit dem Auslaufen der Schiffe. In einer fragmentarischen Struktur springt er immer wieder in die Vergangenheit der wichtigsten Charaktere. Die Schiffe sind zum Beginn des Buches schon in die weiße Wildnis aufgebrochen. Im Mai des Jahres 1845 setzen zwei Schiffe der königlich-britischen Marine mit insgesamt 129 Mann Besatzung an, die legendäre Nordwest-Passage vom Atlantik zum Pazifik zu finden. Ihre Route soll sie quer durch die kanadische Arktis führen. Es ist nicht der ersten Versuch, diese legendäre Nord- West Passage zu finden. Die Kommandanten der Schiffe sind erfahren, aber insbesondere der Oberkommandierende Sir John Franklin hat unter Seeleuchten einen unglücklichen Ruf. Bei einer seiner letzten Reisen vor mehr als zwanzig Jahren hat er das Leder seiner Stiefel gegessen. Aus Verzweifelung. In der gleichen Situation werden sich seine Leute nach mehr als drei Jahren im ewigen Eis auch befinden. Sir John Franklin lebt zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon nicht mehr. Das letzte Mal werden die beiden Schiffe „Terror“ und „Erebus“ unter seinem Kommando zuletzt von Walfängern in der Baffin Bay gesichtet, danach erblickt nie wieder ein Europäer einen Teilnehmer der Expedition lebend. Jahre später entdeckt man tief in der Arktis Ausrüstungsgegenstände und gekritzelte Nachrichten, dass die Schiffe fast zwei Jahre im Packeis festgesessen haben und die Mannschaften auf der Suche nach Rettung über Land weiter gezogen sind. Von Eskimos erfahren die Suchtrupps, dass „kabloonas“, bleiche Leute, auf der King-William-Insel verhungert sind. Wie so oft in aussichtslosen Situationen finden sich – siehe auch der Flugzeugabsturz in den Anden in den siebziger Jahren – Spuren von Kannibalismus.
Dan Simmons ist ein außergewöhnlicher Schriftsteller, der – wenn er sich mit dem Stoff identifiziert - nicht nur packend und spannend erzählen kann, sondern vor allem über seine Protagonisten die Sympathien der Leser erweckt. In der vorliegenden Geschichte scheitern einhundertneunundzwanzig Menschen nicht nur – wie so oft in der Historie – an der Starköpfigkeit des Kommandanten, der nicht zum wiederholten Male gescheitert zurückkehren möchte, sondern an der grausamen Natur. Dem Autoren gelingt es vortrefflich, ein Gefühl der ewigen Kälte im Leser zu wecken. Um diese unerträgliche Situation der einzelnen Charaktere für den Leser nicht nur greifbarer, sondern erträglicher zu machen, wechselt Simmons sehr geschickt und oft die Perspektive. Neben verschiedenen Erzählebenen die einzelne Situationen fast parallel beschreiben, entwirft der Autor ein fiktives Tagebuch des am längsten überlebenden Schiffsarztes, der gänzlich unmilitärisch und teilweise überzeugend menschlich das langsame aber unaufhaltsame Sterben der Besatzungsmitglieder beschreibt. Ab der Mitte des Buches werden die Entscheidungen der einzelnen Kommandanten nicht mehr aufgrund der Prämisse der Überlebenschance getroffen, sondern nur noch, weil jede andere Alternative im Grunde das Warten auf den sicheren Tod unerträglich macht. Tief in ihrem Inneren wissen die Offiziere, dass insbesondere der sehr kurze Sommer nach zwei Jahren des tiefen Winters nicht ausreichen, um die offene See mit den kleinen Beibooten – über das Eis geschleppt – zu erreichen. Als in einem Streit auch noch die Eskimos getötet werden, welche die reduzierte Truppe mit frischem Fleisch versorgen könnten, ist ihr Schicksal besiegelt. Trotzdem wachsen einige Mannschaftsmitglieder in dieser aussichtlosen Situation über sich hinaus. Am deutlichsten in der Person des Tagebuchschreibers Doctor Harry Goodsir zu erkennen, der zu Beginn des Buches an Hand seiner Aufzeichnungen überfordert ist. Später wächst er mit seiner Aufgabe. Ein interessantes Gegenbeispiel ist der Kapitän des zweiten Schiffes Crozier. Er ist ein gewöhnlicher Mann, ein Alkoholiker, verbittert. Er untersteht dem Kommando des im Grunde unfähigen reichen Sir John Franklin. Als die Whiskey Vorräte aufgebracht sind, sieht er die einzige Alternative im Selbstmord. Später wird er zu einem erbarmungslosen, aber fairen Kommandanten, der verzweifelt die aussichtslose Situation zu retten sucht. Bei den vielen männlichen Charakteren fallen die – in Rückblenden – einzigen weiblichen Figuren fast negativ auf. Sie sind sehr eindimensional gezeichnet. Sir Franklin resolute Frau, die alles unter Kontrolle hat und die Fassade eines erfolgreichen Ehemanns in der besseren Gesellschaft aufrechterhält und die junge Tochter, welche frivol und leichtlebig, sexuell aktiv das Leben genießt. Einfach geschrieben zeigen die beiden Frauen, wie moralisch altbacken insbesondere die beiden Anführer der Expedition sind. Trotz einer Vielzahl von Figuren hat Simmons sich die Mühe gegeben, ihnen individuelle Züge zu geben. Der Leser findet sich ausgesprochen gut in diesem Szenario zurecht.
Mit fast eintausend Seiten ist der Roman sehr umfangreich. Teilweise zu umfangreich. Bei einigen Szenen wird unnötig lange verweilt und um die Spannung hochzuhalten, hat der Autor der gestrandeten Expedition einen Antagonisten gegenüber gestellt, der überirdisch wirkt. Da Simmons auch in dieser Hinsicht die Position des übergeordneten Erzählers fast gänzlich auflöst, wird aus dem riesigen Eisbären ein über vier Meter großen Menschenfresser, von kalter Intelligenz, mit weißem Fell und messerlangen Klauen, sowie Zähnen, die mühelos einen Schädel aufknacken. Ein Geschenk des Teufels. In einer der intensivsten Szenen stirbt auch Sir John Franklin durch dieses fleischgewordene Monster. Der Leser ist überrascht, dass wie aus dem Nichts heraus einer der scheinbar wichtigsten Protagonisten aus dem Spiel genommen wird. Erst später wird man sich daran erinnern, dass keiner dieser leidgeprüften Seeleute überlebt. Nach und nach tötet die Bestie Besatzungsmitglieder. Zeitgleich mit ihr ist eine junge stumme – ihre Zunge ist heraus gebissen worden – Eskimofrau aufgetaucht, die schnell von der Besatzung als Hexe bezeichnet wird. Obwohl es sich um einen historischen Roman handelt, nähert sich Simmons über den Aberglauben der Mannschaft, aber auch seine manipulierende Schreibweise fast den übernatürlichen Elementen eines Horrorromans. Ein gefährliches Spiel, das im Grunde unnötig ist. Die Natur an sich ist schon so gefährlich, so unnachgiebig und brutal, das „The Terror“ diese Extrapolation im Grunde nicht nötig ist. Am Ende des Buches muss Simmons sie fast in einer Art Antihöhepunkt wieder zurückschrauben, um sich auf die beschwerliche Reise der Überlebenden von den aufgegebenen Schiffen zur Küste konzentrieren. Natürlich sind einige Szenen – insbesondere die vermeintliche Rückkehr einer kleinen Expedition über einen Eissee, das erste freie Wasser seit zwei Jahren – gruselig und effektiv geschrieben, aber sie wirken auch überambitioniert. Das Buch hätte auch ohne diese weiße Bestie funktioniert. Einer Tatsache, der sich Simmons wahrscheinlich erst nach Fertigstellung des Manuskriptes bewusst gewesen ist. Wahrscheinlich hatten sein Verleger und er Angst, dass ansonsten sich niemand für eine Expedition interessieren könnte, die vor mehr als einhundertfünfzig Jahren unter tragischen Umständen in der Nordpolregion verschollen ist. Auf der anderen Seite ist es eine interessante Idee, sich das Buch ohne die historischen Elemente als Horrorroman in der Tradition von Verfilmungen wie John Carpenters „The Thing“ vorzustellen. Diese genretechnische Ambivalenz mag insbesondere die reinen Freunde authentischer historischer Literatur – so weit möglich – stören, schreibtechnisch entspricht sie Werken wie „The Crook Factory“ aus Simmons Feder. In diesem Roman hat der Autor historische Figuren wie Ernest Hemingway in eine James Bond artige Agentenhandlung integriert. Warum also nicht ein übernatürliches Monster in einer ansonsten auf historischen Fakten basierenden Roman?
Das Buch zeigt dem Leser, wie sehr der technische Fortschritt dafür gesorgt hat, dass die körperlichen und im vorliegenden Roman im Geiste schwachen Menschen die Erde Untertan machen konnten. Es ist ein sehr schmaler Grad, auf dem sich Simmons in seinem neuen Roman bewegt. Der Leser muss das Buch über die Charaktere akzeptieren. Insbesondere das Ende des Romans steht fest. Es gibt auch kein Geheimnis der Franklin Expedition, das Simmons zum ersten Mal löst. Er verbindet die Fakten mit einer packenden Handlung, fügt ein wenig Eskimomythologie in Form der weißen Bestie hinzu und beschreibt das Scheitern einer Expedition, die Kosten sparend und planungstechnisch amateurhaft mit einem nicht geeigneten Oberkommandieren ausgeschickt worden ist. Er zeigt den schließlich unterlegenen Überlebenswillen von Menschen, die ungeheuren Strapazen, die sie für die vage Chance des Überlebens auf sich nehmen. Seine Figuren sind keine klassischen Helden, es sind gewöhnliche Menschen, die in einer außergewöhnlichen Situation über sich hinauswachsen. Es ist ein lebhafter Tribut an eine Handvoll von einfachen Seemännern, die von der Geschichte unbeachtet einsam lange leidend gestorben sind. Dan Simmons wie auch die anderen Autoren, die sich mit dem Schicksal der Männer auseinandergesetzt haben, können ihre makabere Neugierde nicht gänzlich verbergen und teilweise übertreibt es der Autor auch mit seinen gruseligen Details. Aber so kann es wirklich geschehen sein und das macht auch „Terror“ einen ungemein packenden Roman.

Dan Simmons: "Terror"
Roman, Hardcover, 992 Seiten
Heyne- Verlag 2007

ISBN 3-4530-2905-4

Weitere Bücher von Dan Simmons:
 - Bitterkalt
 - Eiskalt erwischt
 - Flashback
 - Helix
 - Im Auge des Winters
 - Welten und Zeit genug

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