Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachb√ľcher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Abenteuer



Karla Schneider

Die Reise in den Norden

rezensiert von Thomas Harbach

Mit ‚ÄěDie Reise in den Norden‚Äú legt der Beltz Verlag in einem handlichen Taschenbuch mit einem sch√∂nen Titelbild Karla Schneiders schon 1995 erschienenes Buch wieder auf. Karla Schneider ist 1938 in Dresden geboren worden. In der ehemaligen DDR arbeitete sie als Verlagsbuchh√§ndlerin und Journalistin. Sie siedelte 1979 in die Bundesrepublik Deutschland √ľber. In der DDR hatte sie ein Jugendbuch unter einem Pseudonym geschrieben. Seit 1988 folgten mit sch√∂ner Regelm√§√üigkeit B√ľcher f√ľr Jugendliche und Erwachsene.
Handlungstechnisch √ľberrascht Karla Schneider auf den ersten Blick mit nur wenigen wirklich interessanten Ideen. Zwei sehr unterschiedliche Menschen, die sich trotz aller Unterschiede schlie√ülich zusammenraufen und den jeweils anderen zu akzeptieren beginnen, stehen im Mittelpunkt der Geschichte. Wie stark schlie√ülich ein Teil der Mission ‚Äď die Reise in den Norden im 18. Jahrhundert - mit dem Schicksal des Einzelnen verbunden ist, wird den Leser nicht √ľberraschen. Was f√ľr ihren Roman allerdings spricht, sind die vielen historischen Details und vor allem die Feinheit, mit welcher Karla Schneider ihre Figuren nicht immer durchweg positiv zeichnet.
Urspr√ľnglich sollte es f√ľr den jungen Biologen Isak Zettervall eine ganz normale, aber geheime Forschungsreise in den Norden werden, im Auftrag der k√∂niglichen Gesellschaft. Doch dann bekommt er einen Auftrag bzw. Bitte der K√∂nigin, er soll nebenbei auch √ľber zwei Nomadenst√§mme erforschen, die Sbiten und die Rubutschen. Der K√∂nig m√∂chte den gejagten V√∂lkern gegen den Druck der Opposition eine Heimat im Norden seines Landes geben, Zettervall soll beweisen, da√ü es sich um keine blutr√ľnstigen Barbaren handelt. Er beginnt seine gefahrvolle Reise, doch gleich am ersten Gasthof dr√§ngt ihn eine schwerkranke, im Sterben liegende Frau, deren Mann im Gef√§ngnis sitzt, ihre Tochter Stemma mit in den Norden zu nehmen. Das vierzehnj√§hrige M√§dchen kann der eher verschlossene Forscher nicht ausstehen. Zu den nat√ľrlichen Gefahren der Reise kommt der Adel, welcher die Erforschung der ‚ÄěBarbaren‚Äú im Norden unter allen Umst√§nden verhindern m√∂chte.

Insbesondere die Bedrohung durch die Adligen und die diversen Fallen, die sie den beiden Reisenden stellen, sollen den Spannungsbogen des Romans hoch halten. Sie bewirken allerdings eher das Gegenteil. Da der Roman aus der Ich- Perspektive Isak Zettervalls geschrieben worden ist, wei√ü der aufmerksame Leser, dass trotz aller Anschl√§ge zumindest Zettervall die Expedition in den Norden nicht nur √ľberlebt, sondern in der Lage ist, von dieser Reise zu berichten. Dabei erzeugt die Expedition per se und das langsame Zusammenwachsen ausreichend Spannung und es ereignen sich gen√ľgend interessante Situationen, um die Aufmerksamkeit der Leser zu fesseln. Am Ende des Buches zieht Karla Schneider den Verfolgungshandlungsfaden noch einmal kurzzeitig an, schlie√üt ihn aber im Grunde abrupt und nicht mit einem √ľberzeugenden H√∂hepunkt ab. Die Landschaftsbeschreibungen sind an einigen Stellen zu umfangreich und detailliert f√ľr einen Jugendroman, bilden aber einen stimmigen Hintergrund der ganzen Geschichte.

Der Roman wirkt aber in seinen Charakteren am effektivsten. Ganz bewusst hat Karla Schneider keine glatten Typen in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt. Insbesondere Isak Zettervall wirkt zu Beginn selbstverliebt, arrogant und teilweise in seinem Gebaren √ľberheblich. Ein typischer Forscher, dem nichts √ľber seine Missionen geht und dessen Weltbild insbesondere in Hinblick auf seine Verlobte von einer erstaunlichen Einseitigkeit bestimmt wird. Er biedert sich mehr oder minder direkt der Obrigkeit an, der Auftrag der K√∂nigin schmeichelt und √§ngstigt ihn zugleich. Insbesondere gegen√ľber unter seinem Stand eingeordneten Mitmenschen ist Zettervall aber teilweise ein opportunistisches Ekelpaket. Das er die ihm auf diese Reise aufgezwungene Stemma insbesondere zu Beginn der Reise nicht nur verachtet, sondern hasst, entspricht seiner Pers√∂nlichkeit. Das junge M√§dchen Stemma ist mit ihren vierzehn Jahren kurz vor der Pupert√§t. Sie ist in einer verzweifelten Situation. Ihre Mutter ist tot krank, ihr Vater sitzt im Gef√§ngnis und wird von der Todesstrafe bedroht. Sie ist laut Zettervalls Ansicht h√§sslich, dazu kommt ihr Eigensinn. Diesen fordert Zettervall mit seiner besserwisserischen und provozierenden Art aber auch heraus. Im Grunde schleifen sich die beiden sehr unterschiedlichen Charaktere ihr Ecken und Kanten gegenseitig erst ab. F√ľr Stemma spricht ihr unkomplizierte Art und das Einf√ľhlungsverm√∂gen, mit nat√ľrlicher Intelligenz und Gesp√ľr auch komplizierte Lebenslagen gut meistern zu k√∂nnen. Hier ist sie im Vergleich zum Theoretiker Zettervall deutlich im Vorteil. W√§hrend insbesondere zu Beginn der Reise insbesondere Zettervall mit seiner pr√§senten Art die Szenerie beherrscht, gewinnt Stemma im zweiten Teil des Romans deutlich an Format. Sie rettet unter anderem ihrem Begleiter das Leben, w√§hrend dieser ihr das √úberleben in der unwirtlichen Natur zeigt. Mit ihrer oft sehr direkten Art zeigt sie nicht nur ihm sehr profane, aber effektive Lebensweisheiten, sondern √ľbernimmt bis zu einem gewissen Grad mehr und mehr die Kontrolle dieser unfreiwilligen Zweckgemeinschaft. Diese charakterlichen Ver√§nderungen, teilweise sogar √ľberraschende intellektuelle Weiterbildung geh√∂rt zu den faszinierenden Aspekten des Buches und gleicht manche L√§nge aus.

F√ľr ein Jugendbuch ist ‚ÄěDie Reise in den Norden‚Äú nicht nur sehr realistisch, teilweise deprimierend dunkel. Wenn am Ende Stemma vom Schicksal ihres Vaters erf√§hrt, wird auch der Leser ber√ľhrt, ohne diese Figur direkt kennen gelernt zu haben. Wenn sie von den Sitten und Gebr√§uchen ihrer offenbar fiktiven Barbarenst√§mme berichtet, wirken diese Beschreibungen lebensnah und f√ľr die Zeit, in welcher der Roman spielt, au√üergew√∂hnlich stimmig. Ganz bewusst und stellenweise zu √ľbertrieben stellt sie die alten Sitten und Gebr√§uche ihrer beiden Naturv√∂lker in einen starken Kontrast zu der verlogenen Zivilisation. Stellenweise erinnert das Schicksal der beiden St√§mme an die Indianer, wenn auch mit den Oberh√§uptern zumindest zwei Herrscher beschrieben werden, die f√ľr ihre Zeit sehr moderne Ansichten vertreten.

Stilistisch ist der vorliegende Roman von Karla Schneider allerdings gew√∂hnungsbed√ľrftig. Sie schreibt sehr dicht und komprimiert. Dialoge stehen nicht im Vordergrund. Mit der Ich- Erz√§hlerebene kommt der Leser n√§her an zumindest einen Charakter heran, verfolgt das Geschehen allerdings aus einer verzerrten Perspektive. Dem Roman in dieser Form h√§tte ein √ľbergeordneter Erz√§hler besser getan. Insbesondere Stemma w√§chst dem Leser schneller ans Herz als Zettervall. Eine interessante Abenteuergeschichte, ganz bewusst eher ambivalent als f√ľr ein g√§nzlich jugendliches Publikum konzipiert. Die Handlung selbst √ľberrascht eher durch die vielen sch√∂nen Details und dem sorgf√§ltigen Hintergrund als vom grundlegenden Plot her. Dieser ist sehr geradlinig und teilweise vorhersehbar.



Karla Schneider: "Die Reise in den Norden"
Roman, Hardcover, 408 Seiten
Beltz- Verlag 2007

ISBN 3-4077-4055-7

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht mŲchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::