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Abenteuer



J.M. Barrie

Peter Pan

rezensiert von Thomas Harbach

Vor knapp einhundertfünf Jahren sorgte der Junge, der niemals erwachsen werden wollte, für Furore. Aus der Feder des 1860 geborenen schottischen Schriftstellers Sir James Matthew Barrie stammend hat die literarische Figur des Peter Pan inzwischen ein Eigenleben entwickelt, das den Blick auf das literarische Original leicht verstellt. Barries Ehe mit einer Schauspielerin ist kinderlos geblieben. Für Peter Pan hat er sich an den fünf Kindern seiner Bekannten Sylvia Llewelyn- Davies orientiert. Barrie hat zu Lebzeiten alle Rechte an der Figur einem Londoner Kinderkrankenhaus vermacht. Wie groß der Einfluss Barries und seiner Peter Pans ist, unterstreicht die Tatsache, dass die Urheberrechte des Krankenhauses im Gegensatz zur allgemeinen Gesetzgebung nicht durch Zeitablauf verfallen dürfen. Im Kensington Gardens erinnert eine Statue an Peter Pan. Insbesondere die Lektüre des Originals unterstreicht die Tatsache, dass Barrie nicht in erster Linie ein Kinderbuch schreiben wollte. Natürlich spielen Piraten und Indianer – und das noch auf einer Insel! – eine wichtige Rolle, aber vom ersten Augenblick an ist „Peter Pan“ eine Würdigung des Kindseins und eine Mahnung an die Erwachsenen, mit den Kinderseelen behutsam umzugehen. So besucht Peter Pan im Auftaktkapitel nicht ein Waisenhaus, sondern das Haus der Familie Darling. Barrie beschreibt ausführlich, wie der Buchhalter Darling bei der Geburt eines jeden Kindes mit dem Pfennig gerechnet hat, ob die finanziellen Mittel für den neuen Erdenbürger wirklich ausreichend sind oder nicht. Dieses Rechnen erreicht schon groteske Züge und erinnert in seiner satirischen Zielrichtung an einige Romane Charles Dickens. Wie J.M. Barrie sich direkt dem Publikum zuwendend berichtet, haben die Gelder für insgesamt vier Kinder – drei Jungen und zu allererst ein Mädchen namens Wendy – ausgereicht. Die erste Begegnung zwischen den Kindern und Peter Pan findet impliziert noch in deren Träumen statt. Die Mutter ist ein wenig beunruhigt, das die Kinder von einem neuen augenscheinlich imaginären Spielgefährten sprechen. Die Amme gelingt es, Peter Pans Schatten während seiner Flucht gefangen zunehmen, in dem sie schnell das Fenster vor ihm schließt. Diese Passage ist unheimlich, aber phantasievoll geschrieben. Zusammen mit Tinker Bell muss Peter Pan seinen Schatten wieder finden. Er findet den Schatten schließlich in einem Schrank, kann ihn sich aber nicht mehr „umhängen“. Der Junge und der Schatten seinen auf immer getrennt. Durch seinen verzweifelten Ausruf erwacht die junge Wendy, die schließlich ganz der zukünftige Mutterersatz den Schatten wieder annäht. Dabei finden sie auch die Elfe Tinkerbell wieder, die während der Suche in einer Schublade eingeschlossen worden ist. Da inzwischen auch Wendys Brüder wach sind, entschließt sich Peter Pan, nicht nur aus Dankbarkeit Wendy das Fliegen beizubringen – alles eine Frage der Konzentration -, sondern mit den Brüdern zusammen ins Neverland zu eilen, wo die verlorenen Jungs – alles Jungens, die in ihrer Dummheit aus den Krippen gefallen und vergessen worden sind – einen ewigen Kampf gegen die Piraten unter Captain Hook, aber auch gegen die roten Männer auf ihrer Insel führen. Die Kinder fliegen zusammen mit Tinkerbell und Peter Pan ins Traumland. Dabei verlassen sie auch ohne weitere Erklärung die Realitätsebene, denn die Darlings werden während einer Festlichkeit darüber informiert, dass ihre Kinder alle verschwunden sind. Schnell kommt es innerhalb von Peter Pans Gruppe zu Konflikten, da Wendy mit ihren zahlreichen Gute Nacht Geschichten die Mutterstelle von Tinkerbell einnimmt. Auch Hook plant seinen vernichtenden Schlag gegen die verlorenen Jungs.

„Peter Pan“ ist auch heute noch ein sehr kurzweilig zu lesendes Buch, das im Gegensatz zu vielen anderen Jugendbüchern nicht in einem zuckersüßen und damit oberflächlichen Stil geschrieben worden ist. J.M. Barrie teilt eine Reihe von Seitenhieben aus. In der Realitätsebene parodiert er die klassische Krämerseele und zeigt an den verschiedenen Generationen von Darlings auf, wie wenig Verständnis Peter Pan in seiner Naivität den einfachen Menschen gegenüber aufbringt. So ist er entsetzt, als er schließlich Wendy als alte Frau sieht und ihm – für den Leser unverständlich – klar wird, dass er Wendys Kinder und ihre Enkel in den letzten Jahren zum Frühjahrsputz ins Neverland „entführt“ hat. Auch gelingt es Barrie nicht unbedingt überzeugend herauszuarbeiten, dass in dem fremden Land den Kindern anscheinend weitere Gefahren drohen. So wirkt Wendys Einstellung dem Wunderland gegenüber fast naiv und unkritisch. Barrie gibt auch keine Antworten, woher die Piraten um Hook und die roten Männer überhaupt gekommen sind. Auf der emotionalen Ebene ist Wendys Altern und ihre Sehnsucht nach einem Leben ewiger Jugend als Kontrast zu der immer stärker werdenden Verantwortung für die eigenen Kinder und Enkel überzeugend, aber geradezu pathetisch einfach herausgearbeitet.

Es ist das Neverland mit seinen zahlreichen Wundern, das die Phantasie der Darlingkinder wie auch der Leser beflügelt. Dabei verzichtet Barrie auf die Anything Goes Methode des insbesondere in der Phantasiewelt maßlos übertreibenden von Spielberg viel zu grell und bunt inszenierten „Hooks“. Das Leben auf der kleinen Insel ist nicht nur ein Paradies. Die Kinder müssen mit Einschränkungen für sich selbst sorgen, ihre eigenen Höhlen unter den Bäumen bauen und werden von Tinkerbell nicht ganz streng, aber doch zumindest erzogen. Ihnen fehlt die Wärme der Eltern, die ihnen abends Geschichten vorlesen und sie beschützen. Nicht umsonst sind die verlorenen Jungs nicht freiwillig auf dieser Insel, bis auf Peter Pan sind sie alle aus der Wiege gefallen. Peter Pan hat früh seine Eltern verloren. Als Waise gibt er vor, hart und entschlossen zu sein. Seine Fassade bröckelt im Verlaufe der Geschichte. Je stärker er sich von Tinkerbell entfernt und zu Wendy hingezogen fühlt, desto mehr wird er zu ihrem vierten Bruder. Erst als die Kinder in einem Moment der kindlichen Unvorsichtigkeit in die perfide Falle Hooks geraten, wird er wieder zu ihrem Anführer und befreit alle Kinder dank eines Husarenstreichs. Anfänglich wird Peter Pan etwas schroff beschrieben, später zu naiv. Mit dem Verlust seines Schattens – nach seinen Eltern ein weiteres Stück Identität, das er im Grunde dank seiner Unvorsichtigkeit weg schmeißt – wird er plötzlich für einen Moment menschlich. Wendy sieht er weniger als Freundin denn als Mutterersatz. Barrie beschreibt mit sehr viel Einfühlungsvermögen diese unvollständige Familie in einem magischen, aber niemals wirklich ungefährlichen Land. Mit Hook überzeichnet Barrie einen Antagonisten, der im Grunde sehr viel schneller und effektiver mit den Lausbuben fertig werden müsste. Die Glaubwürdigkeit des Buches leidet ein wenig unter den Aktionen der Erwachsenen, die zu wenig zielstrebig sind. Sowohl im neunzehnten Jahrhundert wie in der Gegenwart ist Barries Botschaft überdeutlich zu erkennen: den Kindern eine gewisse Verantwortung zuzutrauen, ihnen aber auch die Zeit zu lassen, Kind zu sein. Es ist sicherlich nicht überraschend, dass die verlorenen Jungs eine echte, aber zeitlich begrenzte Kindheit gerne gegen das Neverland eintauschen. Eine Entscheidung, die nur Peter Pan – unterstützt von Tinkerbell – nicht treffen möchte. Nicht zuletzt aufgrund dieser Tatsache ist Peter Pan nicht der Gewinner der Geschichte. Er bleibt für immer der Junge, der niemals erwachsen werden möchte und sich deswegen nur zeitwillig Spielkameraden aus der Realität für einen Frühjahrsputz ausleiht. Auch wenn Tinkerbell eine treue, wenn auch etwas zu farblos gezeichnete ebenfalls unsterbliche Begleiterin ist, verspürt der Leser insbesondere auf den letzten Seiten, das Peter Pan in seinem Leben einsam ist. Wendy dagegen bleibt trotz ihres voran geschrittenen Alters im Herzen jung und ist jederzeit für ihre Kinder und Enkel dar. Im übertragenen Sinne hat Wendy in ihrem Herzen die eigene Kindheit eingeschlossen, während Peter Pan das Ideal noch immer verzweifelter sucht.

J.M. Barrie agiert auf den ersten Seiten für den märchenhaften Inhalt seines kurzen Romans zu ambitioniert und versucht zu viele Ideen im Grunde auf zu wenig Raum abzuarbeiten. Erst mit der Übergang ins Neverland wird die Geschichte breiter und farbenprächtiger, die gut beschriebenen und teilweise sehr pointiert kommentierten Actionszenen, das märchenhafte Gehabe der verlorenen Jungs und schließlich der direkte Handlungsverlauf treiben den manchmal etwas konstruiert wirkenden Plot geschickt voran. J.M. Barrie überlässt im Gegensatz zu vielen neuen Interpretationen sehr viel mehr der Phantasie seiner Leser und verzaubert in einer zeitlosen Geschichte mit etwas positiver Naivität und der auch heute aktuellen Botschaft, dass das Kindsein vom Alter unabhängig ist. Das letzte Argument wird Leser angesichts des Idee eines Jungen, der niemals erwachsen werden möchte, überraschen, aber das reifste Charakter der Geschichte ist Wendy: zu Beginn der Geschichte Kind, dann Ersatzmutter und schließlich selbst Mutter. In ihr spiegelt sich das märchenhafte Geschehen wieder, sie ist die Tochter, die J.M. Barrie wahrscheinlich zu Lebzeiten am liebsten gehabt hätte. „Peter Pan“ ist auch heute noch jede Minute wert, die Kind/ Erwachsener heute mit Barrie Original verbringen möchte.

J.M. Barrie: "Peter Pan"
Roman, Softcover, 172 Seiten
Wordsworth Classics 2001

ISBN 1-8532-6120-3

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