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Abenteuer



Jules Verne

Ein Kapitän von fünfzehn Jahren

rezensiert von Thomas Harbach

Jules Vernes „Ein Kapitän von fünfzehn Jahren“ verbindet zwei Leidenschaften des Autoren miteinander- die Liebe zum Meer, da ein großer Teil des Romans teilweise romantisch verklärend auf zwei Weltmeeren spielt und die Faszination fremder Kontinente. Hinzu kommt eine kritische Haltung der afrikanischen Sklavenökonomie gegenüber. Das Buch erschien 1878 in zwei Bänden. Es ist das erste von mehrere Romanen, in denen Jugendliche über sich hinauswachsen und die Rolle von Erwachsenen übernehmen. Zu den berühmtesten dieser Abenteuererzählungen gehört ohne Frage der zehn Jahre später veröffentlichte Roman „Zwei Jahre Ferien“. Wer in erster Linie durch die Adventsvierteiler auf Jules Verne Aufmerksamkeit geworden ist, muss verwundert feststellen, dass die Drehbuchautoren die Figur des fünfzehn Jahre alten Waisen und Kapitäns dem vorliegenden Roman entnommen und Dick Sand in ihre Adaption von „Zwei Jahre Ferien“ verpflanzt haben. Obwohl Dick Sand auch in „Zwei Jahre Ferien“ aufgrund seiner elternlosen Erziehung in verschiedenen Waisenhäusern und seiner frühen Flucht als Leichtmatrose aufs Meer hinaus älter erscheint als er an Jahren ist, passt sich Sand in der Verfilmung in die Gruppe von entführten und später gestrandeten Jugendlichen eher ein, während der Dick Sand aus „Ein Kapitän von fünfzehn Jahren“ alle Verantwortlichkeiten selbst schultern möchte.

Die Schonerbrigg „Pilgrim“ unter dem Kommando des erfahrenen Kapitän Hulls befindet sich auf Walfangreise. Als sie auf der nicht erfolgreichen Fahrt Station in Auckland machen, schifft sich die Frau des Reeders Priscilla Weldon mit ihrem Sohn Jack und dem weltfremden eigenwilligen Vetter und Insektenforscher Benedict an Bord des Schiffes ein. Hull soll die Familie seines Chefs zurück nach San Franzisko nehmen, da sie in Auckland aufgrund der Erkrankung des Kindes zurückbleiben mussten. Während der Rückfahrt rettet die Besatzung der „Pilgrim“ fünf farbige Amerikaner und einen Hund von einem sinkenden Schiff. Der Hund will sofort dem portugisischen Schiffskoch Negoro an die Kehle. Später stiehlt der Hung während eines Spiels zwei Würfel mit Buchstaben und legt „SV“ nebeneinander, die an seinem Halsband hängenden Initialen.
Auch wenn Jules Verne diese mysteriösen Vorgänge am Ende des Romans nachhaltig erklärt, hat der Leser das unbestimmte Gefühl, eher einen Roman aus der Feder Karl Mays zu goutieren als dem französischen Erzähler zu lauschen. Jules Verne wirkt hinsichtlich der Spannungskurve ein wenig unentschlossen und versucht mit dem offensichtlichen Schurken Negoro von Beginn an einen Antagonisten zum zu guten, zu entschlossenen und später sich selbst immer wieder kasteienden Dick Sand zu erschaffen. Angesichts der zahlreichen Verbindungen zwischen den Weldens, dem ursprünglichen Besitzer des Hundes und Negoros schon in der Konzeption höflich gesprochen waghalsig zu nennenden Plan wirkt die Vorgehensweise zu überambitioniert.
Auch Kapitän Hull begibt sich angesichts seines unterbesetzten Schiffes - er wollte erst im nächsten Hafen nach Walfängern Ausschau halten - selbst ins Walfangboot und überlässt das Schiff Dick Sand. Der Wahl zerschlägt in einer deutlich erkennbaren Anspielung auf Melvilles „Moby Dick“ inklusiv der umfangreichen Erklärungen zur Walfangschifffahrt das kleine Beiboot und tötet alle Besatzungsmitglieder. Dick Sand ist plötzlich ein Kapitän wider Willen, der zusammen mit den fünf Farbigen und gegen die Intrigen Negors das Schiff an die südamerikanische Küste Stern muss.
Jules Vernes Liebe zur See ist klar zu erkennen. Neben einer Reihe von informativen, aber auch ermüdenden Exkursionen in die Nautik - hier erläutert Dick Sand stellvertretend für den Leser Miss Welden die wichtigsten Fakten - beschreibt der Autor das alltägliche, aber auch stereotype Leben an Bord eines Schiffes auf einer wochen- manchmal sogar monatelangen Fahrt über das Meer. Auch ohne den heimtückisch agierenden Negoro wären diesen Passagen faszinierend zu lesen.

Es ist klar, dass die „Pilgrim“ ihr Ziel nicht erreicht, sondern statt an der südamerikanischen Küste Kap Horn umsegelt, wobei die Glaubwürdigkeit arg strapaziert wird. So erkennt Negoro selbst durch den Nebel intuitiv, wo sich das Schiff befindet und kann im richtigen Augenblick seinen Magnetstein unter dem einzigen noch funktionierenden Kompass entfernen, um das Schiff auf die Küste Afrikas zulaufen zu lassen. Hier findet Negoro schnell einen ehemaligen Komplizen, mit dessen Hilfe sie Dick Sand und seine Freunde gefangen nehmen, nachdem diese beinahe in einem gigantischen Termitenhügel, den die durch die starken Regenfälle aufkommende Flut fast gänzlich überspielt hat, erstickt wären. Während sich Jules Verne im ersten Teil des Buches mit der „Pilgrim“ auf einen einzigen Schauplatz konzentriert und deswegen eine einzigartige wie nachhaltige Atmosphäre erzeugt hat, zerfällt den Roman spannungstechnisch zum Leidwesen in zwei bzw. teilweise drei Parallelhandlungen, in denen den einzelnen Protagonisten und damit stellvertretend dem Leser falsche Informationen über das Schicksal der Kameraden übermittelt werden. Spannungstechnisch kann ein Autor auf dieses Instrument einmal im Verlaufe eines Romans zurückgreifen, Jules Verne nutzt es zweimal zu oft. Zumal die absichtlich falschen Informationen genau wenig einen Sinn geben wie die fehlende globale Rache an den Fremden, als ein wichtiger König im Alkoholrausch verbrennt.
Positiv beschreibt Jules Verne nicht nur ein exotisches Afrika mit seinen gigantischen wie mörderischen Wüsten oder dem Flussgebiet des Kongos. Vernes Afrika wird vom grausamen Sklavenhandel dominiert, in dem ein Menschenleben nur etwas zählt, wenn es auf den zahlreichen Märkten erfolgreich verkauft werden kann. Alles was zu schwach oder hinderlich sein kann, wird von den einzelnen Banden hingemordet. Nicht nur in dieser Hinsicht ist „Ein Kapitän von fünfzehn Jahren“ kein Buch für ein überwiegend jugendliches Publikum. Es wird gemordet und geplündert, teilweise gefoltert. In den wenigen Städten herrscht blanke Anarchie und in diesem moralischen Chaos wird selbst Dick Sand zu einem im Affekt handelnden Mörder, der allerdings einen der Schurken aus „Rache“ aufgrund falscher Informationen niederstreckt. Verne geht zwar nicht ins Detail, aber sein Afrikabild wird der Leser noch länger beschäftigen. Nicht selten hat man dem Franzosen einen latenten Rassismus und eine Deutschfeindlichkeit unterstellt, im vorliegenden Buch argumentiert er nachhaltig gegen jegliche Art der Versklavung, wobei das etwas überzogene wie zuckersüße Happy End viele Szenen eher wie einen Sturm im Wasserglas erscheinen lässt.
Strukturtechnisch wird „Ein Kapitän von fünfzehn Jahren“ etwas unausgeglichen. Während sich Jules Verne hinsichtlich der Ereignisse auf de „Pilgrim“ extrem viel Zeit nimmt, überschlagen sich auf den letzten Seiten die Ereignisse in Afrika inklusiv des dramatischen Wasserfallsturzes zu sehr. Immer wieder greift Jules Verne als das Chaos ordnende, aber die Chronologie unterminierende Erzählelement ein und mancher Exkurs - hier sei der fast autistische Benedict expliziert mit seiner weltfremden Suche nach Insekten genannt - wirkt angesichts des zu hektischen Ende überflüssig. Wie schon angesprochen überzeugt „Ein Kapitän von fünfzehn Jahren“ in erster Linie aufgrund der atmosphärisch dichten Hintergrundbeschreibungen, während die Figuren manchmal ein wenig zu sehr mit dem Lineal gezogen erscheinen.
Dabei ragt der stetig bemühte, grundehrliche Dick Sand natürlich heraus. Für alles übernimmt er die Verantwortung, alles möchte er mehr als hundertprozentig erfüllen. Er ist eine treue Seele, die sich lieber selbst opfert als das er zulässt, das den ihm wider Willen anvertrauten Menschen ein Schaden zugeführt wird. Den ganzen Plot betrachtend stehen die fünf von ihm mit geretteten Farbigen an seiner Seite und helfen alternierend aus, wenn Dick Sands Kräfte nicht ausreichen. Auch wenn sich Jules Verne manchmal am Rande des Klischees bewegt, gibt er den einzelnen Schwarzen differenzierte Profile und stürzt die anfangs freien Amerikaner wieder in die Abgründe der Sklaverei, aus denen sie sich vor Jahren schon entkommen sahen. Die Weldons mit der sehr entschlossenen wie sympathischen Misses Weldons und dem etwas unterentwickelten Sohn Jack sowie dem schon angesprochen als Comic Relief dienenden Vetter sind es „wert“, aus ihrer Misere gerettet zu werden. Obwohl aus besserem Hause kommend beschreibt Jules Verne die Amerikaner als klassenlose, der Realität natürlich nicht entsprechende gleichberechtigte Gesellschaft, in welcher der Fleißige alle Chancen hat. Stellvertretend macht Jules Verne dieses Irrglauben an den Figur des Dick Sands fest, der in seiner Grundkonzeption einem Charles Dickens Buch entstiegen sein könnte.
Zusammengefasst ist „Ein Kapitän von fünfzehn Jahren“ nicht das oberflächliche Jugendbuch, das der Titel suggeriert, sondern eine trotz mancher plottechnischer Konstruktionen und Übertreibungen spannende wie hinsichtlich der Sklaverei in Afrika nachhaltig kritische Abenteuergeschichte, mit einem ungewöhnlichen Helden auf einer außergewöhnlichen Reise, die ihn und die Gruppe von Schicksalsgenossen um die halbe Welt führt.


Jules Verne: "Ein Kapitän von fünfzehn Jahren"
Roman, Softcover, 297 Seiten
Verlag Neues Leben

Weitere Bücher von Jules Verne:
 - 20.000 Meilen unter den Meeren
 - Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd- Afrika
 - Das Geheimnis des Wilhelm Storitz
 - Die Jagd auf den Meteor
 - Magellania
 - Matthias Sandorf
 - Reise um den Mond

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