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Abenteuer



Jules Verne

Matthias Sandorf

rezensiert von Thomas Harbach

Jules Verne hat den 1885 in drei Teilen veröffentlichten Roman „Matthias Sandorf“ expliziert Alexandre Dumas gewidmet. Die handlungstechnische Ähnlichkeit – ein Unschuldiger wird ins Gefängnis gebracht und rächt sich an den Denunzianten viele Jahre später – natürlich zum „Grafen von Monte Christo“ ist deutlich erkennbar. Auf der anderen Seite ist das Werk allerdings auch sehr stark mit Jules Verne absolutistisch agierenden Rächern – siehe Kapitän Nemo und Robur, der Eroberer – verbunden, wobei Matthias Sandorf auf den ersten Blick zugänglicher ist. Das er mit seiner Rache wie Nemo oder Robur Unschuldige mit trifft und sogar Menschen zumindest für kurze Zeit „verletzt“, die ihm und seinen Gefährten etwas bedeuten müssten, gibt dem ganzen Kontext eine nicht weg zu diskutierende Fragwürdigkeit.

Die Handlung beginnt in Triest, wo die mittellosen abgebrannten Gauner Sarcany und Zirone eine geschwächte Brieftaube mit einer offensichtlich verschlüsselten Botschaft finden. Sie füttern den Vogel und folgen ihm schließlich zum Haus des im Exil lebenden Grafen Ladislaus Szathmáry, der zusammen mit einigen Freunden Ungarn vom österreichischen Joch befreien möchte. Sie ahnen eine Verschwörung und unterrichten ihren bisher aufgrund seiner Korruption willigen ehrbaren Helfer, den Bankier Silas Toronthal, der gleichzeitig auf Tagesgeld eine ungeheure Summe – 2 Millionen Forint – des ebenfalls in den Umsturz verwickelten Matthias Sandorf angelegt hat. Sarcany lässt sich auf Toronthals Empfehlung als Buchhalter anstellen. Er findet die Schablone, mit der die Geheimbotschaft entziffert werden kann. Die Verschwörer werden verhaftet und in ein entlegenes Gefängnis gebracht. Die Denunzianten sollen 50 % des Vermögens der überführten erhalten, Matthias Sandorfs einzige Tochter bei Volljährigkeit in einer der eher unglaubwürdigen Wendungen die anderen 50%. Der Aufstand findet nicht statt. Die potentiellen Landesverräter werden zum Tode verurteilt. Während sie auf die Hinrichtung warten, erfahren sie in einer weiteren arg konstruierten Passagen die Namen der Verräter, die in der angrenzenden Zelle in Schutzhaft genommen worden sind. Bei einer spektakulären Flucht kann letzt endlich nur Matthias Sandorf entkommen. Auf einer Zwischenstation wird ein armer Fischer, der Sandorf und den ihn nicht begleitenden Freund aufnimmt, ebenfalls verraten. Das Motiv ist dieses Mal nicht Habsucht, sondern Eifersucht.
Am Ende des ersten Teils stürzt sich Matthias Sandorf von einer Klippe, während seine beiden Mitrevolutionäre standrechtlich erschossen werden. Der Fischer, der sich ihrer angenommen hat, stirbt im Gefängnis wenige Monate später.
Der zweite Teil der Geschichte beginnt 15 Jahre später in Dubrovnik, wo der geheimnisvolle Fremde Doktor Antekirrt – bislang hat er in erster Linie im nordafrikanischen und asiatischen Raum Menschen dank modernster Methoden geheilt – sich die Dienste der beiden mittellosen, aber herzensguten Akrobaten Pointe Pescade und seinem „starken Mann“ Matifou sichert. Das Interesse des Doktor Antekirrt gilt nicht nur der Witwe des Verschwörers Bathory und dem überlebenden Sohn, sondern auch dem Bankier Toronthal, der inzwischen wieder auf einen Bankrott zusteuert sowie seinem zwielichtigen Helfer Sarcany.

Im Gegensatz zum sehr populären TV Adventsvierteiler – auch andere Stoffe Jules Vernes wurden in den siebziger Jahren vom ZDF verfilmt – macht der Autor den Fehler, den Roman eher chronologisch bis auf einige wenigen Ergänzungen zu erzählen. Mit dieser literarisch angesichts der Verwickelungen des Plots und vor allem des potentiellen Höhepunkts – die Enttarnung der wahren Identität Doktor Antekirrts – fragwürdigen Vorgehensweise, nimmt sich Jules Verne die Möglichkeit, wirklich Spannung aufzubauen. Der ZDF Vierteiler präsentierte die Ereignisse der Vergangenheit erst in der dritten und vorletzten Folge, als das Publikum sich an den charismatischen wie märchenhaft reichen Fremden gewöhnt hat. Antekirrt ist nicht unbedingt subtil, was seine Vergangenheit angeht. So heißt eines seiner vielen Schiffe „Savarena“ – eine Namenskombination aus Tochter Sava und früh verstorbener Ehefrau Rena – und er tritt Frau Bathory auch persönlich gegenüber. Das sie selbst aus der Distanz von fünfzehn Jahren den Vertrauten ihres Mannes nicht erkennt, scheint ebenso fragwürdig wie die absolute Überzeugung, dass Matthias Sandorf nachdem er mehrere Meilen in einem reißen Strom überlebt hat, beim Sprung von der Klippe unbedingt umgekommen sein muss. Auch das Interesse an dem paranoiden – berechtigerweise – und von seinem schlechten Gewissen in jeglicher Hinsicht geplagten Toronthal ist auffällig. Die potentiellen Fallen, die Antekirrt seinen Feinden stellt, um sie in Gewahrsam zu nehmen, sind angesichts der technischen Potentials – er verfügt über strombetriebene Schnellboote, die mit einer auch fünfzig Jahre später phantastisch erscheinenden Geschwindigkeit das Mittelmeer überqueren können – derartig gewagt und unberechenbar, das man sich später fragt, wie dieser Mann plötzlich seine eigene Insel gegen die Heerscharen der Piraten verteidigen kann. Alleine im Mittelteil des Buches hätten Antekirrt und seine Vertrauten vier Möglichkeiten, jeden einzelnen der Schurken unauffällig und effektiv von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Vielmehr müssen Jules Verne und Antekirrt die Antagonisten agieren lassen, um zumindest dem Leser, aber nicht den Protagonisten die letzten familiären Zusammenhänge klar werden zu lassen. Obwohl stilistisch selbst in der gekürzten Übersetzung diverser deutscher Ausgaben ansprechend angelegt schleppt sich der Mittelteil des Buches unnötig dahin. Für Humor sollen die beiden Akrobaten Pescade und Matifou sorgen. Das Jules Verne in dieser teilweise unglücklichen Kombination aus kindlichen Humor und Spannung über das Ziel hinausschießt, zeigt der Hinterhalt, in den Antekirrt und seine Männer tappen, nachdem die von ihnen aufgestellte Falle nicht zuschnappt und zu viele Ungereimtheiten offen lässt. Jules Verne dreht die Situation allerdings in Karl May Manier im Grunde in einer Nacht und lässt die in jeder anderen Konstellation als Verlierer vom Platz gehenden Männer schließlich wie Sieger ausschauen.
Während Antekirrt zu ambivalent – in Bezug auf seine ihm sich anvertrauen Gefährten ein absoluter wie charismatischer Gutmensch, hinsichtlich seiner kompliziert und nicht komplex gestalten Rache allerdings teilweise ein etwas naiver, auf Gefühle anderer unschuldiger Menschen wenig Rücksicht nehmender Aristokrat – charakterisiert worden ist und Jules Verne zu geradlinig auf die keine Überraschung darstellende Enttarnung des Matthias Sandorf hinsteuert. Vergleicht man den vorliegenden Roman insbesondere mit der Originalfassung des „Grafen von Monte Christo“, sind die Unterschiede überdeutlich. Während Dumas tragischer Held Opfer einer Verschwörung geworden ist, handelt es sich bei Sandorf um einen Verschwörer, der nach dem Tod seiner Frau plötzlich Ungarn die politische Freiheit von Österreich schenken möchte. In Dumas Roman wird der Graf von Monte Christo schließlich auch von der „Liebe“ geläutert, seine Rache zwar zu vollziehen, sich aber wieder zu einem Menschen zurück zu entwickeln. Sandorf will erst belohnen – das gelingt ihm aber ausgesprochen umständlich – und dann erst bestrafen, wobei er hier die demokratischen Regeln eines Schwurgerichts und anschließend etwas zu sehr überzogen eines Gottesurteils beachtet. Antekirrt ist als Figur zu allgegenwärtig, zu heroisiert beschrieben. Ihm fehlt die
arrogante, aber auch intelligent verschlagene Persönlichkeit eines Kapitän Nemos, dem er im Gegensatz zum verbohrten und verbissenen Robur vielleicht am eher gleicht. Zusätzlich
sind die Nebenfiguren teilweise derartig eindimensional und funktional beschrieben, dass
sie ineinander verschwimmen. Mit ein wenig mehr Sorgfalt – siehe „20.000 Meilen oder den Meeren“ oder „Fünf Wochen im Ballon“/“Die geheimnisvolle Insel“ – könnte „Matthias Sandorf“ zu seinen großen Abenteuerstoffen gehören, in denen der Franzose klassische Pulpunterhaltung – Rache im übertragenen Sinne von Jenseits der Grabes – mit einer utopischen Handlung – moderne Elektroboote - verknüpft. Insbesondere die romantischen Passagen bewegen sich nicht selten am Rande des Klischees und wirken angesichts der zahlreichen Schauplätze ein wenig zu gedehnt.
Ebenfalls nicht neu ist die Idee einer oligarchisch organisierten abgeschlossenen, aber nicht isolierten Gesellschaft, die Sandorf auf der von ihm gekauften Insel Antekirrta gegründet hat. Unter dem weiten Schatten seines Reichtums hat er nicht nur Intellektuelle und fleißige Arbeiter aus den Mittelmeerstaaten auf die Insel geholt, sondern sucht sie mit modernsten Mitteln und Strategien, sowie drei schwer bewaffneten Elektrobooten zu verteidigen. Leider bleiben die Einblicke in die politisch sozialen Strukturen zu oberflächlich, um sich ein abschließendes Bild zu machen. Angreifer wie die Piratenhorde werden aber mit größt möglicher Effektivität, aber auch Brutalität vertrieben, um das Paradies der gehobenen Klasse zu erhalten. Über allem thront allerdings Antekirrt als wohlwollender Diktator, dem unglaubwürdig nur Liebe und Vertrauen entgegen gebracht wird.

Auf der anderen Seite sehr positiv gehört „Matthias Sandorf“ wahrscheinlich zu den am ehesten authentischen Romanen des Franzosen. Mit seiner frisch erworbenen Yacht „Saint Michael II“ hat Jules Verne nicht nur die Schauplätze des vorliegenden Romans selbst besucht, die Schiffe gleich sich auch, wie Volker Dehs in seiner ausgesprochen empfehlenswerten Biographie herausgearbeitet hat. Die Landschaftsbeschreibungen sind nicht nur detailliert, sondern ansprechend. Hinzu kommt, dass Jules Verne zwar in sein Zettelarchiv greift – die Verschlüsselungsmethode ist die „Fleißnersche Schablone“ -, aber auf weitschweifige, teilweise belehrend erscheinende Erläuterungen zu Gunsten der Lesbarkeit des Plots verzichtet.

Zusammengefasst ist „Matthias Sandorf“ einer von Jules Vernes ideentechnisch eher schwächeren Romanen, der zu sehr in Ehrfurcht vor seinem Vorbild Alexandre Dumas erstarrt. Die erste Hälfte mit der Verschwörung und dem Verrat inklusiv der verzweifelten Flucht gehört zu den besseren Abschnitten des Romans, während der Autor eher verzweifelt bemüht in der zweiten Hälfte des Plots ein Geheimnis vor den Lesern und den meisten Protagonisten verstecken möchte, das im Grunde kein Geheimnis ist: Matthias Sandorf ist Doktor Antekirrt.

Jules Verne: "Matthias Sandorf"
Roman, Hardcover, 482 Seiten
Verlag Neues Berlin 1979

Weitere Bücher von Jules Verne:
 - 20.000 Meilen unter den Meeren
 - Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd- Afrika
 - Das Geheimnis des Wilhelm Storitz
 - Die Jagd auf den Meteor
 - Ein Kapitän von fünfzehn Jahren
 - Magellania
 - Reise um den Mond

Leserrezensionen

Leserrezensionen [Alle Rezensionen anzeigen (3)]
30.12.11, 09:03 Uhr
huyanghui
unregistriert


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