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Abenteuer



Michel Bernanos

Terra Infernalis

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Terra infernalis” liegt der am ehesten phantastisch zu nennende Roman aus der Feder Michel Bernanos zum ersten Mal auf Deutsch vor. Eine genaue Übersetzung des französischen Originaltitels hätte - wie Erik Hauser in seinem ausführlichen Nachwort klar stellt - “der tote Berg des Lebens” geheißen und treffe den Inhalt des vorliegenden Romans deutlich besser. Im zweiten Abschnitt des Buches ist für den aufmerksamen Leser genauso wenig klar wie für die beiden Protagonisten, ob sie sich wirklich noch auf der Erde befinden und/ oder in der brüchigen Zwischenzone, welchen den Übergang vom Leben in den Tod bedeutet. Michel Bernanos hatte schon vor der Veröffentlichung dieses Werkes seinem Leben mit knapp 41 Jahren ein Ende gesetzt. Bernanos ist als Sohn des populären katholischen Romanciers und Antifaschisten Georges Bernanos in Frankreich zur Welt gekommen. Die Familie ging 1938 ins Exil nach Lateinamerika. In Brasilien lernte Bernanos die Natur schätzen und nicht umsonst sind die sprachlichen Bilder im vorliegenden Kurzroman eindrucksvoll. Allerdings lernte er nur phonetisch schreiben; eine Tatsache, die ihn in seinem späteren Leben arg behinderte. Nach freiwilligem Kriegsdienst kehrte er schließlich zu seinem todkranken Vater zurück, der aus Lateinamerika zurück nach Frankreich übergesiedelt ist. Nach dessen Tod arbeitete Bernanos in verschiedenen Berufen und konnte seine Schreibschwäche im Gegensatz zu seinem Interesse an jeglicher Literatur gut verstecken. Er diktierte seiner Frau und Mutter seiner einzigen Tochter eine Handvoll von durchaus populären Kriminalromanen, die unter Pseudonym veröffentlicht worden sind. Von seinen “ernsthaften” Werken erschien keines zu seinen Lebzeiten. Erst später, als der in neunzehn Tagen diktierte Roman in Frankreich während der Pariser Unruhen plötzlich zu einem kleinen Erfolg geworden war, entsannen sich die Verlage seiner anderen realistischen Bücher.

“Terra Infernalis” besteht wie Erik Hauser richtig feststellt, auf zwei sehr unterschiedlichen Teilen. Der Ich- Erzähler mit seiner intimen Kenntnis des Geschehens wird durch einen Trick auf eine Galeone gebracht. Er hat dort angeheuert. Eine durchaus übliche Methode, um im sechzehnten Jahrhundert, in welchem der Roman spielt, billige Arbeitskräfte zu verpflichten. Gleich im ersten Kapitel soll er von den Kameraden kielgeholt worden. Nur das beherzte Eingreifen des Schiffskoch Toine zusammen mit dem Kapitän rettet ihn vor dem Ertrinken. Toine nimmt den Jungen unter seine Fittiche. Das Schiff gerät am Äquator in eine wochenlange Flaute. Die Matrosen beginnen sich gegenseitig zu töten und zu verspeisen. Später kommt ein Sturm auf, der schließlich zum Untergang des Schiffes führt. Nur Toine und der Ich- Erzähler überleben, an einen Mast gebunden, im Meer treibend. Der erste Teil der Geschichte ist ein klassisches Seemannsgarn, wie man ihn in vielen Romanen unter anderem Melvilles, Stevensons und schließlich auch - um den Bogen zur Phantastik zu schlagen - Hodgson findet. Im Gegensatz allerdings zu diesen Geschichten, deren Elemente mehr oder minder direkt in den einzelnen Szenen ihren Widerhall finden, verzichtet Michel Bernanos auf den obligatorischen Reifeprozess. Toine wird dank seiner Erfahrung und seiner Frechheit - so blufft er seine Kameraden nach der langen Flaute, in dem er die Rolle des getöteten Kapitäns übernimmt, obwohl er von Nautik sehr wenig Ahnung hat - zu einem Ersatzvater für den jungen Ich- Erzähler. Zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Männern - Toine hat offensichtlich auch eine kriminelle Vergangenheit und war bislang auf allen Meeren zu Hause - kommt es zu einem deutlich stärkeren als dem Freundschaftsband. Der Leser hat zumindest impliziert das Gefühl, als erschaffe sich Michel Barnanos eine Vaterfigur, die er aufgrund der Popularität des eigenen Vaters niemals gehabt hat. Der erste Teil des Buches ist packend, teilweise bis zur Grenze des Erträglichen wird insbesondere der Kannibalismus an Bord geschildert, atmosphärisch stimmig und doch irgendwie zeitlos. Der Verzicht auf eine nähere Zeitangabe lässt die Geschichte surrealistischer erscheinen als sie bis dahin in Wirklichkeit ist.

Die beiden Überlebenden stranden im zweiten Teil des Buches auf einer einsamen Insel unter einem blutroten Himmel. In einer Höhle finden die beiden Überlebenden lebensechte menschliche Statuen mit verzerrten Gesichtern. Auf der Insel selbst neigen sich die Bäume gegen die riesigen Bergmassive. Dieses Verneigen ermöglicht es ihnen, von den reichhaltigen Früchten zu nehmen und sich zu kräftigen. Da dieser Teil der Insel menschenleer ist, wollen sie zu den Bergen, um die Insel von der anderen Seite zu betrachten. Mehr und mehr kristallisiert sich - obwohl aufmerksame Leser der Phantastik das Ende sehr weit im voraus ahnen können - heraus, das es sich weniger um den zweiten Teil der abenteuerlichen Odyssee handelt, sondern die Charaktere quasi ins eigene Innere, ins Metaphysische eindringen. Es ist erstaunlich, das Michael Bernanos in seinem Roman dem Weg folgt, den insbesondere Karl May in seinem Doppelband “Ardistan und Dschinnistan” vorangegangen ist. Die Landschaft wird immer fremdartiger, aber nicht beschwerlicher. Wenige Jahre vorher hat Ballard in einem seiner ersten Doomsday- Romane eine Kristallwelt beschrieben, die eine ähnlich surrealistische, faszinierende wie erschreckende Welt beschrieben hat. Dabei setzt sich diese Welt ausschließlich aus den rückblickend einen Monolog bildenden Beschreibungen des Ich- Erzählers zusammen. Zynisch negiert Michel Bernanos zumindest ein literarisches Gesetz, das der Ich- Erzähler in welcher Form auch immer - schriftlich, mündlich - das Erlebte auch einem Dritten stellvertretend für den Leser erzählen muss. Auch die letzt endlich schockierende, aber irgendwie an die frühen Romane eines Philip K. Dick erinnernde Entdeckung im Herzen der Insel schließt nicht gänzlich den Kreis. Ganz bewusst weigert sich der Autor, mögliche Interpretationen seines Werkes wirklich und konsequent zuzulassen.

Die Figuren erfahren am Ende des Buches keine reinigende Katharsis und das spricht gegen einen klassische religiösen Roman, mit dem Bernanos folgerichtig auch Stellung gegen das populäre Werk seines Vaters hätte beziehen können. Von Erlebnissen im Vorzimmer des Todes wie Erik Hauser zu sprechen, entbehrt auch einer Reihe von Grundlagen. Schließlich stehen nicht die beiden Protagonisten letzt endlich im Mittelpunkt der Geschichte, sondern alle ehemals menschlichen Wesen, mit denen eine seltsame und wissenschaftlich nicht erklärliche Verwandlung vorgegangen ist. Im Vergleich zu den anderen ehemaligen Inselbewohnern haben sich der Ich- Erzähler und Toine sehr viel weiter vorgekämpft. Auf seine eigenen depressiven Störungen ansprechend könnte die unvollendete und nicht beeinflussbare Reise des Ich- Erzählers auch einen inneren Frieden zum Ziele haben. Am Ende, am Gipfel des Bergers erkennt er, das es keinen Frieden für ihn geben wird. Das seine Urängste in überdimensionaler Form weiterhin in seine waidwunde Seele schauen und ihm den Übergang zu einem friedlichen Dasein verwehren. Dabei könnte Toine noch an Art Über- Ich sein, ein Mann, dem alles gelingt und der seine persönlichen Defizite alleine durch sein Charisma überspielen kann. “Terra infernalis” ist kein griffiges, kein einfaches Werk, aber eine ungemein faszinierendes Geschichte. Es wäre vielleicht sinnvoller gewesen, den Ich- Erzähler zwar in die Erdspalte schauen zu lassen, das Gesehene aber zu verschweigen. Das Rätsel alleine hätte die Spannung aufrechterhalten und den Weg für mögliche Interpretationen deutlich verbreitert. Unabhängig von dieser Schwäche besticht der Kurzroman durch einen sehr visuellen, unauffälligen, aber allgegenwärtigen Stil sowie ein gutes Gefühl für Stimmung sowie Atmosphäre. Manche Beschreibungen werden absichtlich besonders karg gehalten, damit sich der Leser in seinen eigenen Gedanken aus den Fragmenten die persönlichen Ängste und Bedrohungen zusammenstellen kann. Gewalt findet ausschließlich im rein weltlichen Teil statt. Auch wenn die Atmosphäre auf der Insel surrealistischer wie auch bedrohlicher ist, scheinen Toine und der Ich- Erzähler eine Art “Paradies” erreicht zu haben. Hinsichtlich ihrer Motivation, trotz der immer bizarrer werdenden Landschaft unbedingt den Berg erreichen zu wollen, obwohl sie von den Früchten und dem Wasser gut leben könnten, hätte Michael Bernanos noch mehr Argumente sammeln und den Theorien der Leser gegenüberstellen können.

So wie der erste Teil des Buches romantisch realistisch gehalten worden ist, wird der zweite Part eher metaphysisch bis surrealistisch. Beide Abschnitte des Buches bilden eine Einheit und die Kontraste sind deutlich besser herausgearbeitet als bei Karl May, der seinen beiden wichtigsten Protagonisten das entsprechende Sendungsbewusstsein jetzt in Kombination mit einer missionarischen Botschaft mit auf den ebenfalls beschwerlichen und vor allem ebenfalls nach oben (!) führenden Weg mitgegeben hat. In beiden Werken - Doppelbände - werden von den Autoren ganz bewusst mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Beide Werke lassen sich nur bedingt als geradlinige Abenteuerliteratur goutieren, aber beide Romane beginnen auf einer unterbewussten Ebene die Phantasie der Leser anzuregen. Beide Autoren versuchen Kernfragen der Existenz und des Lebenssinnes auf einer theoretisch abstrakten Ebene philosophisch zu diskutieren. Sowohl Karl May als auch Michel Bernanos gehen dabei eigene Wege, aber ihre sehr unterschiedlichen Werke sind interessante, wenn auch nicht gänzlich befriedigende Gedankenmodelle, deren Wiederentdeckung dank sehr empfehlenswerter und liebevoll zusammengestellter neu bzw. in diesem Fall deutschen Erstausgaben lohnt.


Michel Bernanos: "Terra Infernalis"
Roman, Softcover, 144 Seiten
Waldgut Zwielicht Verlag 2009

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